Historisches Frauenarchiv Lenzburg

Die Stiftung Museum Burghalde setzt einen Schwerpunkt in seiner Sammlungs- und Vermittlungstätigkeit auf Quellen zur Frauengeschichte und macht diese zugänglich.

Mit den verschiedenen Aktivitäten und Formaten rund um engagierte Frauen wird die breite Bevölkerung von nah und fern angesprochen. Das Ziel ist zum einen die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Relevanz von Frauengeschichten. Andererseit steht die Belebung des kollektiven Gedächtnisses von Stadt und Region Lenzburg im Zentrum. Das historische Frauenarchiv wird laufend erweitert und dient als Gefäss mit thematischem Fokus. Hier werden einerseits Erfolgsgeschichten am Leben gehalten, andererseits werden Zeugnisse bis dato unbeachteter Lebensläufe und -entwürfe zusammengetragen.

Umso spannender ist deshalb Lenzburgs wechselhafte Rolle als Kulturraum, Bildungsort, Naturoase und Wirtschaftszentrum, in dem Innovationsgeist, politisches Engagement, Traditionsbewusstsein, Wohltätigkeit und kreativ-schöpferische Betätigung begünstigt wurden. Hier in Lenzburg fand die Geschichte der schweizerischen Frauenbewegungen  einen erfreulichen Nährboden. Etwa engagierten sich die Lenzburgerin Gertrud Villiger-Keller sowie weitere Zeitgenossinnen und Nachfolgerinnen im Rahmen der lokalen Wohltätigkeit – und das mit Wirkung weit über den Kanton hinaus. Ihr Leitspruch lautete: «Eure Stärke liegt auf dem gemeinnützigen Gebiete. Beginnt Eure Arbeit damit, dass Ihr das Übel an der Wurzel fasst, eine bessere Ausbildung des weiblichen Geschlechtes tut vor allem not».Nach dem Präsidium des Gemeinnützigen Frauenvereins in Lenzburg übernahm sie ein Jahr nach Gründung des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF) das Amt der Zentralpräsidentin. Sie leitete den Verband bis an ihr Lebensende. Während ihrer Präsidialzeit wurde der SGF zum grössten und zeitweilig einflussreichsten Frauendachverband der Schweiz. Noch vor 1900 fand er Anschluss an die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft und trat als Kollektivmitglied dem Schweizerischen Roten Kreuz bei.  Ebenso erwähnenswert ist die im angrenzenden Niederlenz gegründete Schweizerische Gartenbauschule, als erste in der ganzen Schweiz. Mit dem Gertrud Villiger-Platz erinnert die Stadt Lenzburg seit 2007 an die Pionierin der gemeinnützigen Frauenbewegung. Das Zusammentragen, Erforschen und Vermitteln dieser und weiterer Werdegänge und Initiativen ist die Aufgabe des historischen Frauenarchivs Lenzburg.

Hinweis: Das Archiv und die Bibliothek in Lenzburg sind nicht öffentlich zugänglich. Die Erkenntnisse werden in unserschiedlichen Formaten veröffentlicht. Kulturelle Teilhabe geschieht im Rahmen von Workshops, der Initiative «Notizbuch der Erinnerungen» oder weiteren Vermittlungsinitiativen. Wissenschaftliche Forschungsprojekte werden gerne unterstützt. Interessierte melden sich mit ihrem Dossier per Email: sammlung@museumburghalde.ch

 

 

Pionierinnen, Künstlerinnen und Denkerinnen

Das Frauenarchiv stellt hier die gesammelten Ergebnisse der bisherigen Sammlungsbestreben aus. Das Archiv wird stetig erweitert.

Zéline Hünerwadel-Stéphanie (1822-1895)

Geschäftsfrau, Malerin, Musikerin

 

«Diese Dame soll in der Lenzburger Gesellschaft den Ton angegeben haben.»

(Zitat Heidi Neuenschwander, in: Neuenschwander 1988b, S. 146.)

Zéline Stéphanie, geboren als viertes von zehn Kindern einer Tabakfabrikantenfamilie in Aarau, heiratete 1845 Gottlieb Samuel Arnold Hünerwadel aus Lenzburg. Bereits ein kleinen Sohn und einer ungeborenen Tochter, Hedwig, welche kurz nach der Geburt starb. In dieser schwierigen Situation zog Sie nach Lenzburg und musste sich und ihren Sohn Friedrich Walter allein versorgen. Sie fand Arbeit in der mechanischen Spinnerei ihres Schwiegervaters Friedrich Hünerwadel-Kupferschmied, einem bedeutenden Fabrikanten in Niederlenz. Nach dessen Tod lebte sie mit ihrer Schwiegermutter Maria und ihrem Sohn im gemeinsamen Haus. Die Schwiegermutter führte die Spinnerei weiter, bis Walter erwachsen war und die Leitung übernehmen konnte.

Während dieser Zeit eignete sich Zéline umfassende Kenntnisse über das Unternehmen an und war aktiv am Betrieb beteiligt. Nach fast zwanzig Jahren in der Textilindustrie zog sie sich aus dem Geschäftsleben zurück, als ihr Sohn die Führung übernahm. Sie widmete sich fortan der Musik, der Malerei und dem Garten. Unter anderem förderte Sie lokale Talente, wie Anna Kull:

Reiche Anregung und Förderung erfuhr sie [Anna Kull] auch durch eine kunstsinnige Lenzburger Dame, Frau Seline Hünerwadel, mit der sie fleissig vierhändig [Klavier] spielte.

"Das eifrige musikalische Leben Lenzburgs [blieb] auf die künstlerische Entwicklung Annas selbstverständlich auch nicht ohne Einfluss, und so konnte sie denn im Alter von dreizehn Jahren selber den ersten Schritt in die Öffentlichkeit wagen." (7 Braun 1931, S. 31.)

Sie reiste ins Ausland, unter anderem nach Mailand, und pflegte gesellschaftliche Kontakte. Ihre künstlerischen Werke stellte sie öffentlich aus, beispielsweise 1884 in Aarau.Nach dem Tod ihres Sohnes 1885, der als Fabrikant erfolgreich war, verbrachte sie einige Monate in Paris, wo sie ihre Memoiren schrieb. Zéline Hünerwadel starb 1895 in Lenzburg. Ihr Leben steht beispielhaft für weibliche Resilienz, Unternehmergeist und kulturelles Engagement im 19. Jahrhundert.

Fanny Hünerwadel (1826-1854)

Sängerin, Pianistin, Organistin, Komponistin

 

«Sie verstand die Werke der besten Meister und hatte dieselben sich angeeignet und zum geistigen Besitzthum gemacht.»

(Blätter zur Erinnerung an Fanny Hünerwadel 1855, S. 6–7.)

 

Fanny Hünerwadel wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf und zeigte schon früh aussergewöhnliches musikalisches Talent. Nach ersten Musikstunden in Lenzburg erhielt sie dank ihres Onkels in Zürich Unterricht beim Pianisten und Komponisten Alexander Müller. Dadurch kam sie mit bedeutenden Musikerpersönlichkeiten ihrer Zeit in Kontakt, darunter Franz Liszt, Richard Wagner und Sigismond Thalberg.

Nach ihrem ersten Auftritt 1842 trat sie in den folgenden Jahren regelmässig als Sängerin, Pianistin und später auch als Organistin auf. Sie wirkte bei Konzerten in Zürich, St. Gallen und Donaueschingen mit und engagierte sich in der Allgemeinen Musikgesellschaft. Neben ihrer musikalischen Ausbildung studierte sie intensiv Sprachen und beherrschte Französisch, Englisch und Italienisch fliessend.

Zeitgenossen beschrieben Hünerwadel als aussergewöhnlich begabte Künstlerin mit einer reinen, klangvollen Stimme, grosser technischer Sicherheit und tiefem musikalischem Verständnis.

1851 reiste sie nach Paris und London, wo sie berühmte Opernsängerinnen und Sänger hörte und ihre Eindrücke in eindrucksvollen Briefen festhielt. Nach weiteren Reisen nach Florenz und Rom erkrankte sie an Typhus und starb am 27. April 1854 im Alter von nur 27 Jahren in Rom.

Trotz ihres frühen Todes hinterliess Fanny Hünerwadel mehrere Liederkompositionen. Ihr musikalisches und kulturelles Wirken wurde von Zeitgenossen hoch geschätzt und wird bis heute durch Veröffentlichungen, eine CD sowie einen Dokumentarfilm gewürdigt. Sie gilt als eine der bedeutendsten Musikerinnen aus Lenzburg des 19. Jahrhunderts.

Kompositionen anhören: Komposition

Intro Maturaarbeit: Intro: à Fanny H.

Doku Maturaarbeit: Doku: à Fanny H.

Beitrag im Neujahrsblatt 3: E-Periodica - Berühmte Lenzburger Sängerinnen : II. Fanny Hünerwadel mehr

 

Margaretha Kieser (1829-1901)

Lehrerin, Schriftstellerin

«Siehst du Gutes, weile! Siehst du Not, so teile! Kannst du heilen, heile!»

(Margaretha Kieser, in: Attenhofer 1948, S. 63.)

Margaretha Kieser wuchs als eines von sieben Kindern in einer Furhhalterfamilie auf. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin in Sarmenstorf arbeitete sie zunächst in Reinach und Zürich. Nach der Schliessung ihres Instituts im Jahr 1878 war sie bis zu ihrem Tod als Privatlehrerin tätig.

Neben ihrer pädagogischen Arbeit widmete sie sich intensiv dem Schreiben auf Mundart. Unter ihrem eigenen Namen sowie den Pseudonymen G. Kieser und Gritli Kieser veröffentlichte sie Gedichte, Erzählungen, Rätsel, Fabeln und kleine Theaterstücke. Besonders bekannt wurde sie durch ihre Mitarbeit in Kinder- und Familienzeitschriften wie dem «Kinderfreund» und den «Freundlichen Stimmen an Kinderherzen». Dort betreute sie als «Tante» die Kinderseiten und verband ihre schriftstellerische Tätigkeit mit ihrem pädagogischen Anliegen.

Ihre Werke waren geprägt von erzieherischen Werten, Herzenswärme und einem tiefen Verständnis für die Lebenswelt von Kindern. Durch Geschichten, Fabeln und Sprüche wollte sie junge Menschen zum Nachdenken anregen und ihnen Orientierung für das Leben geben. Dabei schrieb sie häufig in Schweizer Mundart und schuf zahlreiche volkstümliche Gedichte, die bis heute geschätzt werden.

Ein besonderes Merkmal ihres Schaffens war ihre Tierliebe. In ihren Tiergeschichten setzte sie sich für einen respektvollen Umgang mit Tieren ein und forderte Kinder auf, deren Freundinnen und Freunde zu werden. Zeitgenossen beschrieben sie als lebensfrohe Frau mit grossem Einfallsreichtum, die für nahezu jede Situation einen passenden Vers oder Sinnspruch fand.

Ihr literarischer Nachlass umfasste Hunderte von Gedichten, Geschichten und Lebensweisheiten. Margaretha Kieser gilt als bedeutende Vertreterin der aargauischen Mundartliteratur und als engagierte Förderin der Kinder- und Jugendliteratur in der Schweiz.

Einige ihrer Rätsel und Gedichte aus dem Neujahrsblatt 19, S. 62-65

Rätsel

„Ich schlüpf hinaus, ich schlüpf hinein,
Ein Schwänzchen kommt stets hintendrein,
Vergieße manches Tröpflein Blut
Und mache manchen Schaden gut.
Und wenn ich nicht so fleißig war,
So ging wie Bettler man einher."

Lösung 1

„Ein Jümpferchen von Stahl
macht gern ein lustig Tänzchen;
doch hinterläßt es meist
bald Schnörkel und bald Schwänzchen;
bringt manch Geheimnis aus —
Wer von euch kommt wohl draus?"

Lösung 2

 

Gedicht

Hampelmann:
„Ja, ja, ich bin's, schaut mich nur an,
Ich bin der Herr von Hampelmann!
Ich treib gar eine schöne Kunst
Und bitt' daher um eure Gunst!"
Kinder :
„Was Kunst? Du schlenkerst nur das Bein,
Verstehest das auch nicht allein!
Wer gar nichts aus sich selber kann,
den nimmt man nicht als Künstler an!"

Fabel

Mistel und Moos
Mistel sprach mit feinem Hohn
Zu dem niedem Moose :
„Schau einmal, wie hoch ich thron
Tausch mit meinem Lose!"
Moos erwidert: „Tauschen, nein,
mag die Ehr dir gönnen,
müßte ja Schmarotzer sein,
müßte kriechen können!"

Quelle: E-Periodica - Margaretha Kieser (1829-1901) : eine vergessene Lenzburger Dichterin mehr

Olga Plümacher-Hünerwadel (1839-1895)

Philosophin, Schriftstellerin

«Sie verfügte über so profunde Kenntnisse im schwierigsten «Männerfach» ihrer Epoche, der Philosophie, dass selbst internationale Koryphäen dieses Wissensgebietes mit ihr korrespondiert und ihre Meinung eingeholt haben.»

(AT. 9.6.1990, S. 3: Die einsame Lenzburger Philosophin in Tennessee

Olga Maria Pauline Hünerwadel, später Olga Plümacher, wurde im Jahr ihrer Elternreise ins russische Zarizyn geboren. Nach der Rückkehr der Familie in die Schweiz wuchs sie in St. Gallen und Zürich auf. Obwohl sie über eine konzertreife Gesangsstimme verfügte, entschied sie sich gegen eine musikalische Karriere. 1863 heiratete sie den preußischen Seekapitän Eugen Plümacher, der später Schweizer Bürger wurde. Durch ihn kam die Familie nach Tennessee in die von ihm gegründete Schweizerkolonie Grütli.

Während ihr Mann als Handelsagent, Diplomat und Konsul tätig war, widmete sich Olga intensiv dem Studium der deutschen Philosophie. Nach einem Hausbrand 1877 kehrte sie mit ihren Kindern vorübergehend in die Schweiz nach Lenzburg zurück und veröffentlichte ab 1879 ihre ersten philosophischen Arbeiten. Zu ihren wichtigsten Werken zählen Der Kampf um’s Unbewusste (1881) und Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart (1884). Sie beschäftigte sich besonders mit den Ideen von Arthur Schopenhauer und Eduard von Hartmann und wurde zu einer bedeutenden Vertreterin des philosophischen Pessimismus.

Eine wichtige Rolle spielte sie auch im Leben des jungen Schriftstellers Frank Wedekind. Als dessen „philosophische Tante“ führte sie ihn früh in die Gedankenwelt Schopenhauers, Hartmanns und Friedrich Nietzsches ein. Ihr Einfluss auf Wedekinds geistige Entwicklung wird von Forschern als erheblich eingeschätzt. Ebenso wurde ihr drittes Werk bei Friedrich Nietzsche und Samuel Beckett (Warten auf Godot) mit zahlreichen Notizen gefunden.

Der Tod ihres Sohnes Hermann im Jahr 1886 erschütterte sie schwer. In ihren späteren Jahren schrieb sie über Philosophie, Theosophie und Parapsychologie. Sie starb 1895 in Tennessee unter ungeklärten Umständen. Nach ihrem Tod verschwanden ihre umfangreiche Bibliothek sowie zahlreiche Manuskripte und Briefe. Obwohl sie zu Lebzeiten Anerkennung fand und sogar von Nietzsche gelesen wurde, geriet ihr Werk weitgehend in Vergessenheit. Heute wird sie zunehmend als außergewöhnliche autodidaktische Philosophin und wichtige Denkerin des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt.

Plümacher verfasste neben zahlreichen, veröffentlichten Artikeln und Essays drei Hauptwerke:

Der Kampf um’s Unbewusste:
Zwei Individualisten der Schopenhauer’schen Schule
Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart

Fanny Oschwald-Ringier (1840-1919)

Schriftstellerin, Schauspielerin, Theaterregisseurin

«Schriftstellerin, Schauspielerin, Theaterregisseurin Für unsere schweizerdeutscheLiteratur [wurde sie] zu einer Bahnbrecherin.»

(Die Schweiz 1918, S. 519.)

Fanny Oschwald-Ringier, war eine bedeutende Schriftstellerin, Theaterautorin und Pionierin der schweizerdeutschen Mundartliteratur. Als jüngstes von acht Kindern einer angesehenen Lenzburger Familie wuchs sie auf dem Gut Burghalde auf. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wurde sie von verschiedenen Erzieherinnen betreut. Ihre Ausbildung erhielt sie unter anderem am königlichen Katharina-Stift in Stuttgart, wo sie vom Dichter Eduard Mörike unterrichtet wurde. Nach einer schweren Typhuserkrankung kehrte sie in die Schweiz zurück, bildete sich weiter und engagierte sich in Musik und Theater.

1863 heiratete sie den Kaufmann Theodor Oschwald und wurde Mutter zweier Kinder. Nach dem Tod ihres Bruders übernahm sie zusätzlich die Verantwortung für mehrere Waisenkinder, darunter die spätere Schriftstellerin Martha Ringier. Trotz ihrer umfangreichen familiären Pflichten blieb sie kulturell aktiv und trat erfolgreich im Lenzburger Liebhabertheater auf.

Ab den 1870er-Jahren begann sie zu schreiben. Es entstanden zahlreiche Novellen, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Festspiele. Besondere Bekanntheit erlangte sie mit dem Lenzburger Festspiel zur Bundesfeier von 1891, in dem sie selbst die Gräfin von Lenzburg spielte. Ihre Werke wurden weit über den Aargau hinaus aufgeführt und gelesen.

In den 1890er-Jahren wandte sie sich verstärkt der Mundartliteratur zu. Mit Erzählungen wie „Es Jo für es Nei“ und Sammlungen wie „Aller Gattig Lüt“ trug sie wesentlich zur Anerkennung der schweizerdeutschen Mundart als literarische Ausdrucksform bei. Zeitgenossen würdigten ihre psychologische Feinfühligkeit, ihren Patriotismus und ihre starke Verbundenheit mit Volk und Heimat.

Nach ihrem Umzug nach Basel schrieb sie weiter und veröffentlichte mehrere erfolgreiche Werke. Fanny Oschwald-Ringier starb 1918. Heute gilt sie als Wegbereiterin der Mundartdichtung und als wichtige Persönlichkeit der Schweizer Literaturgeschichte.

 

Anna Ludwika Kull (1841-1923)

Cellistin, Sängerin

«Sie wird gar als «Kammervirtuosin der Königin von England» bezeichnet.»

(Neue Zeitschrift für Musik vom 1.2.1878, S. 58.)

Anna Ludwika Kull gehörte zu den ersten professionell auftretenden Cellistinnen des 19. Jahrhunderts und zählte zu den bemerkenswerten Musikerinnen ihrer Zeit. Sie wurde in Klausenburg (heute Cluj-Napoca in Rumänien) als Tochter der österreichischen Adligen Emerentia Johanna Jöchlinger von Jochenstein und des aus Niederlenz stammenden Musikers und Müllers Jakob Kull geboren. Ihren ersten Musikunterricht erhielt sie von ihrem Vater. Mit zwölf Jahren studierte sie in Zürich bei Adam Schleich, später in München bei Hofmusiker Hippolyt Müller.

Bereits als Kind entwickelte sie sich zu einem aussergewöhnlichen Talent. Mit nur 13 Jahren trat sie öffentlich als Cellistin auf und beeindruckte Publikum und Presse durch ihre technische Virtuosität, Ausdruckskraft und musikalische Reife. Zeitgenössische Kritiker hoben besonders ihren warmen Ton, ihr gefühlvolles Spiel und ihre erstaunliche Beherrschung eines damals als für Frauen ungewöhnlich geltenden Instruments hervor. Unter anderen wurde Anna von Zéline Hünerwadel gefördert.

Zwischen 1855 und 1860 konzertierte Anna Kull in zahlreichen europäischen Städten, darunter in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Besonders in London feierte sie grosse Erfolge und wurde als junge Virtuosin begeistert aufgenommen. Dort entstand auch ein Porträt des Präraffaeliten James Smetham. Die Presse sah in ihr eine zukünftige Künstlerin von internationalem Rang.

Trotz ihres Erfolgs zog sich Anna Kull bereits mit 19 Jahren auf Wunsch ihrer Eltern weitgehend aus dem öffentlichen Konzertleben zurück, da man um ihre Gesundheit besorgt war. Dennoch blieb sie der Musik verbunden und trat gelegentlich weiterhin auf, etwa bei einem Wohltätigkeitskonzert in Graz im Jahr 1877.

Über ihr späteres Leben ist wenig bekannt. Sie lebte zeitweise auf dem Adelssitz ihrer Mutter und starb 1923 auf Schloss Trient. Ihr Cello vermachte sie der Stadt Graz. Heute wird sie als bedeutende Pionierin des Violoncellos wiederentdeckt; ein internationaler Cello-Wettbewerb in Graz trug bis 2022 ihren Namen.

Internationaler Cello-Wettbewerb

Gertrud Villiger-Keller (1843-1908)

Pionierin der Wohltätigkeit und Schweizer Frauenbewegung

««Die Schweizerfrau» ist die Krone ihrer Werke. «Die Schweizerfrau» ist eine patriotische Tat!»   

(Zitat Emma Coradi-Stahl über die gleichnamige Publikation, in: Villiger-Keller 1910: Vorwort.)

Gertrud Villiger-Keller zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der frühen Schweizer Frauenbewegung. Geboren in Lenzburg als Tochter des Staatsmannes Augustin Keller und der Musikerstochter Josefine Pfeiffer, wuchs sie in Wettingen und Aarau auf. Nach ihrer Ausbildung heiratete sie 1866 den Juristen und späteren Lenzburger Stadtammann Fidel Villiger. Nach dem Umzug nach Lenzburg widmete sie sich zunächst ihrer Familie und der lokalen Wohltätigkeitsarbeit.

Ab 1887 präsidierte sie den Gemeinnützigen Frauenverein Lenzburg. Bereits ein Jahr später übernahm sie die Leitung des von ihr mit gegründeten Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF), den sie bis zu ihrem Tod führte. Unter ihrer Führung entwickelte sich der SGF zum grössten und zeitweise einflussreichsten Frauenverband der Schweiz mit rund 8000 Mitgliedern. Villiger-Keller setzte sich insbesondere für die Bildung von Frauen und Mädchen ein. Sie förderte Haushaltungs- und Dienstbotenschulen, unterstützte die Gründung der Zürcher Pflegerinnenschule durch Anna Heer und engagierte sich für die Vermittlung von Heimarbeit.

Darüber hinaus trug sie dazu bei, dass Frauenorganisationen staatliche Anerkennung erhielten und in soziale Aufgaben eingebunden wurden. Der SGF schloss sich der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft an, trat dem Schweizerischen Roten Kreuz bei und erhielt staatliche Unterstützung für hauswirtschaftliche Bildungsangebote. Villiger-Keller engagierte sich zudem in der Gesundheitsförderung, im Kampf gegen Tuberkulose und Alkoholmissbrauch sowie für den Schutz von Frauen und Kindern.

Obwohl sie nicht direkt für politische Rechte kämpfte, stärkte sie die gesellschaftliche Stellung der Frauen nachhaltig. Ihr Ziel war es, Frauen zu selbstständigem Denken und verantwortungsvollem Handeln zu befähigen. Zeitgenossen beschrieben sie als gütige, tatkräftige und vorbildliche Schweizerin. 1903 wurde sie Ehrenbürgerin von Lenzburg. Ihr Wirken machte sie zu einer Schlüsselfigur der Schweizer Frauenbewegung, an die heute der Gertrud-Villiger-Platz in Lenzburg erinnert.

Babette Thomas-Wyss (1844-1929)

Konzertsängerin, Pianistin

«Man muss sie gehört haben . Da muss jede Kritik verstummen.»

(Badener Tagblatt 10.4.1877, in: LNB 1934, S. 56.)

Babette Wyss-Thomann stammte aus einer Lenzburger Kaufmannsfamilie mit ausgeprägter musikalischer Begabung. Bereits als Kind erhielt sie Klavierunterricht beim Lenzburger Musikdirektor Gottlieb Rabe. Nach ihrer Schulzeit verbrachte sie ein Jahr in Paris und entwickelte ihre musikalischen Fähigkeiten weiter. Mit 18 Jahren spielte sie Franz Liszts anspruchsvolle Norma-Fantasie und begann zugleich, ihre Sopranstimme professionell auszubilden.

1866 heiratete sie Albert Wyss, den Gründer eines erfolgreichen Eisenwarengeschäfts. Von ihren drei Töchtern erbten insbesondere Clara und Minna das musikalische Talent ihrer Mutter. Clara wurde später selbst eine angesehene Pianistin und Sängerin.

Babette Wyss engagierte sich über viele Jahre im Lenzburger Gesangsverein und gehörte gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin Anna Strauss zu den tragenden Kräften im Sopran. Als Solistin wirkte sie jahrzehntelang bei Liedern, Oratorien und Konzerten mit und war weit über Lenzburg hinaus bekannt. Sie trat bei Jugendfesten auf, sang in verschiedenen Aargauer Städten und sprang sogar kurzfristig für erkrankte Sängerinnen, wie Minna von Greyerz, ein.

Zeitgenössische Kritiken lobten ihre hervorragend geschulte Stimme, ihren klangvollen Sopran und ihre musikalische Ausdruckskraft. Besonders hervorgehoben wurden ihre Bescheidenheit und ihr unprätentiöses Auftreten. Ein Rezensent schrieb, ihre Darbietungen seien so überzeugend gewesen, dass jede Kritik verstumme.

Ihre lebenslange Verbundenheit zur Musik zeigte sich auch im Alter: Noch als Achtzigjährige spielte sie die Lieblingsstücke ihrer Jugend auswendig auf dem Klavier und blieb damit ein prägender Teil des Lenzburger Musiklebens.

Clara Alwina Müller (1862-1929)

Malerin

«Gott schenkte ihr das Genie, und dieses wurde auf bewundernswerte Weise ernährt und kultiviert.»

(Gazzetta Provinciale di Bergamo 7.9.1883, S. 2–3.)

Clara Müller wird als Tochter einer Schweizer Pfarrersfamilie in Densbüren geboren und wächst zeitweise im Umfeld der Strafvollzugsanstalt Lenzburg auf, wo ihr Vater als reformorientierter Gefängnisdirektor und Mitbegründer verschiedener Bildungs- und Finanzinstitutionen wirkt. Nach Aufenthalten in der Westschweiz und Norditalien erhält sie eine fundierte künstlerische Ausbildung in Bergamo, zunächst bei Enrico Scuri an der Accademia Carrara und später als Schülerin von Cesare Tallone, nachdem der Zugang für Frauen stark eingeschränkt ist. Früh entwickelt sie sich zu einer gefragten Porträt- und Blumenmalerin.

Ab den 1880er-Jahren arbeitet sie erfolgreich in Italien, der Schweiz, Deutschland und später auch in England. Besonders in Bergamo, wo sie sich künstlerisch etabliert, sowie in internationalen Kreisen erhält sie Anerkennung und Auszeichnungen, darunter eine goldene Medaille. In London und weiteren europäischen Zentren entstehen repräsentative Porträts, auch für Angehörige der englischen Aristokratie. Trotz dieser Erfolge bleibt ihre finanzielle Situation oft bescheiden, und nachhaltige kunsthistorische Anerkennung stellt sich nur eingeschränkt ein.

Ihr Werk zeichnet sich durch psychologische Feinheit in der Porträtkunst und poetische, lichtdurchflutete Blumenstillleben aus, häufig geprägt von impressionistischen Einflüssen. In späteren Jahren zieht sie sich vermehrt zurück und arbeitet in ihrem Atelier in Bergamo weiter.

Clara Müller stirbt 1929 in Bergamo. Ihr Nachlass gelangt später in Schweizer Museumsbesitz und wird erneut ausgestellt, wodurch ihr künstlerisches Schaffen posthum stärkere Beachtung findet.