Historisches Frauenarchiv Lenzburg
Die Stiftung Museum Burghalde setzt einen Schwerpunkt in seiner Sammlungs- und Vermittlungstätigkeit auf Quellen zur Frauengeschichte und macht diese zugänglich.
Mit den verschiedenen Aktivitäten und Formaten rund um engagierte Frauen wird die breite Bevölkerung von nah und fern angesprochen. Das Ziel ist zum einen die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Relevanz von Frauengeschichten. Andererseit steht die Belebung des kollektiven Gedächtnisses von Stadt und Region Lenzburg im Zentrum. Das historische Frauenarchiv wird laufend erweitert und dient als Gefäss mit thematischem Fokus. Hier werden einerseits Erfolgsgeschichten am Leben gehalten, andererseits werden Zeugnisse bis dato unbeachteter Lebensläufe und -entwürfe zusammengetragen.
Umso spannender ist deshalb Lenzburgs wechselhafte Rolle als Kulturraum, Bildungsort, Naturoase und Wirtschaftszentrum, in dem Innovationsgeist, politisches Engagement, Traditionsbewusstsein, Wohltätigkeit und kreativ-schöpferische Betätigung begünstigt wurden. Hier in Lenzburg fand die Geschichte der schweizerischen Frauenbewegungen einen erfreulichen Nährboden. Etwa engagierten sich die Lenzburgerin Gertrud Villiger-Keller sowie weitere Zeitgenossinnen und Nachfolgerinnen im Rahmen der lokalen Wohltätigkeit – und das mit Wirkung weit über den Kanton hinaus. Ihr Leitspruch lautete: «Eure Stärke liegt auf dem gemeinnützigen Gebiete. Beginnt Eure Arbeit damit, dass Ihr das Übel an der Wurzel fasst, eine bessere Ausbildung des weiblichen Geschlechtes tut vor allem not».Nach dem Präsidium des Gemeinnützigen Frauenvereins in Lenzburg übernahm sie ein Jahr nach Gründung des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF) das Amt der Zentralpräsidentin. Sie leitete den Verband bis an ihr Lebensende. Während ihrer Präsidialzeit wurde der SGF zum grössten und zeitweilig einflussreichsten Frauendachverband der Schweiz. Noch vor 1900 fand er Anschluss an die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft und trat als Kollektivmitglied dem Schweizerischen Roten Kreuz bei. Ebenso erwähnenswert ist die im angrenzenden Niederlenz gegründete Schweizerische Gartenbauschule, als erste in der ganzen Schweiz. Mit dem Gertrud Villiger-Platz erinnert die Stadt Lenzburg seit 2007 an die Pionierin der gemeinnützigen Frauenbewegung. Das Zusammentragen, Erforschen und Vermitteln dieser und weiterer Werdegänge und Initiativen ist die Aufgabe des historischen Frauenarchivs Lenzburg.
Hinweis: Das Archiv und die Bibliothek in Lenzburg sind nicht öffentlich zugänglich. Die Erkenntnisse werden in unserschiedlichen Formaten veröffentlicht. Kulturelle Teilhabe geschieht im Rahmen von Workshops, der Initiative «Notizbuch der Erinnerungen» oder weiteren Vermittlungsinitiativen. Wissenschaftliche Forschungsprojekte werden gerne unterstützt. Interessierte melden sich mit ihrem Dossier per Email: sammlung@museumburghalde.ch
Pionierinnen, Künstlerinnen und Denkerinnen
Das Frauenarchiv stellt hier die gesammelten Ergebnisse der bisherigen Sammlungsbestreben aus. Das Archiv wird stetig erweitert.
Geschäftsfrau, Malerin, Musikerin
«Diese Dame soll in der Lenzburger Gesellschaft den Ton angegeben haben.»
(Zitat Heidi Neuenschwander, in: Neuenschwander 1988b, S. 146.)
Zéline Stéphanie wurde als viertes von zehn Kindern einer Tabakfabrikantenfamilie in Aarau geboren. Sie heiratete 1845 Gottlieb Samuel Arnold Hünerwadel aus Lenzburg. Ihr Gatte starb kurz nach der Heirat, so dass sie mit einem kleinen Sohn und einer ungeborenen Tochter, Hedwig zurückblieb. Doch auch jenes blindes Töchterlein starb wenige Monate nach der Geburt. In dieser schwierigen Situation zog Zéline Stéphanie nach Lenzburg und musste sich und ihren Sohn Friedrich Walter allein versorgen. Sie fand Arbeit in der mechanischen Spinnerei ihres Schwiegervaters Friedrich Hünerwadel-Kupferschmied, einem bedeutenden Fabrikanten in Niederlenz. Nach dessen Tod lebte sie mit ihrer Schwiegermutter Maria und ihrem Sohn im gemeinsamen Haus. Maria stand der Spinnerei vor, bis Walter erwachsen war und die Leitung übernehmen konnte.
Zéline aber eignete sich während dieser Zeit umfassende Kenntnisse über das Unternehmen an und war aktiv am Betrieb beteiligt. Nach fast zwanzig Jahren in der Textilindustrie zog sie sich aus dem Geschäftsleben zurück. Ihr Sohn übernahm alsdann die Firmenführung. Sie widmete sich fortan der Musik, der Malerei und dem Garten. Unter anderem förderte Sie lokale Talente, wie Anna Kull.
«Reiche Anregung und Förderung erfuhr sie [Anna Kull] auch durch eine kunstsinnige Lenzburger Dame, Frau Seline Hünerwadel, mit der sie fleissig vierhändig [Klavier] spielte.»
«Das eifrige musikalische Leben Lenzburgs [blieb] auf die künstlerische Entwicklung Annas selbstverständlich auch nicht ohne Einfluss, und so konnte sie denn im Alter von dreizehn Jahren selber den ersten Schritt in die Öffentlichkeit wagen.» (Braun 1931, S. 31.)
«Sie reiste ins Ausland, unter anderem nach Mailand, und pflegte gesellschaftliche Kontakte. Ihre künstlerischen Werke stellte sie öffentlich aus, beispielsweise 1884 in Aarau. Nach dem Tod ihres Sohnes 1885, der als Fabrikant erfolgreich war, verbrachte sie einige Monate in Paris, wo sie ihre Memoiren schrieb. Zéline Hünerwadel starb 1895 in Lenzburg. Ihr Leben steht beispielhaft für weibliche Resilienz, Unternehmergeist und kulturelles Engagement im 19. Jahrhundert.»
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Sängerin, Pianistin, Organistin, Komponistin
«Sie verstand die Werke der besten Meister und hatte dieselben sich angeeignet und zum geistigen Besitzthum gemacht.»
(aus: Blätter zur Erinnerung an Fanny Hünerwadel 1855, S. 6–7.)
Fanny Hünerwadel wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf und zeigte schon früh aussergewöhnliches musikalisches Talent. Nach ersten Musikstunden in Lenzburg erhielt sie dank ihres Onkels in Zürich Unterricht beim Pianisten und Komponisten Alexander Müller. Dadurch kam sie mit bedeutenden Musikerpersönlichkeiten ihrer Zeit in Kontakt, darunter Franz Liszt, Richard Wagner und Sigismond Thalberg.
Nach ihrem ersten Auftritt 1842 trat sie in den folgenden Jahren regelmässig als Sängerin, Pianistin und später auch als Organistin auf. Sie wirkte bei Konzerten in Zürich, St. Gallen und Donaueschingen mit und engagierte sich in der Allgemeinen Musikgesellschaft. Neben ihrer musikalischen Ausbildung studierte sie intensiv Sprachen und beherrschte Französisch, Englisch und Italienisch fliessend.
Zeitgenossen beschrieben Hünerwadel als aussergewöhnlich begabte Künstlerin mit einer reinen, klangvollen Stimme, grosser technischer Sicherheit und tiefem musikalischem Verständnis.
1851 reiste sie nach Paris und London, wo sie berühmte Opernsängerinnen und -sänger hörte und ihre Eindrücke in eindrucksvollen Briefen festhielt. Nach weiteren Reisen nach Florenz und Rom erkrankte sie an Typhus und starb am 27. April 1854 im Alter von nur 28 Jahren in Rom.
Trotz ihres frühen Todes hinterliess Fanny Hünerwadel mehrere Liedkompositionen. Ihr musikalisches und kulturelles Wirken wurde hoch geschätzt und wird bis heute durch Veröffentlichungen gewürdigt (CD, Dokumentar-Kurzfilm, Radiosendung). Sie gilt als eine der bedeutendsten Musikerinnen aus Lenzburg des 19. Jahrhunderts.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Kompositionen anhören: Youtube
Maturaarbeit: Intro: à Fanny H.
Doku Maturaarbeit: «à Fanny H.»
Beitrag in den LNB 1932: Berühmte Lenzburger Sängerinnen : II. Fanny Hünerwadel mehr
Podcast über Fanny Hünerwadel
Lehrerin, Schriftstellerin
«Siehst du Gutes, so weile! Siehst du Not, so teile! Kannst du heilen, so heile!»
(Margaretha Kieser, in: Attenhofer 1948)
Margaretha Kieser wuchs als eines von sieben Kindern in einer Furhhalterfamilie bei der einstigen Seifi in Lenzburg auf. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin in Sarmenstorf arbeitete sie zunächst in Reinach und Zürich. Nach der Schliessung ihres Instituts im Jahr 1878 war sie bis zu ihrem Tod als Privatlehrerin tätig.
Neben ihrer pädagogischen Arbeit widmete sie sich intensiv dem Schreiben auf Mundart. Unter ihrem eigenen Namen sowie den Pseudonymen G. Kieser und Gritli Kieser veröffentlichte sie Gedichte, Erzählungen, Rätsel, Fabeln und kleine Theaterstücke. Besonders bekannt wurde sie durch ihre Mitarbeit in Kinder- und Familienzeitschriften wie dem «Kinderfreund» und den «Freundlichen Stimmen an Kinderherzen». Dort betreute sie als «Tante» die Kinderseiten und verband ihre schriftstellerische Tätigkeit mit ihrem pädagogischen Anliegen.
Ihre Werke waren geprägt von erzieherischen Werten, Herzenswärme und einem tiefen Verständnis für die Lebenswelt von Kindern. Durch Geschichten, Fabeln und Sprüche wollte sie junge Menschen zum Nachdenken anregen und ihnen Orientierung für das Leben geben. Dabei schrieb sie häufig in Schweizer Mundart und schuf zahlreiche volkstümliche Gedichte, die bis heute geschätzt werden.
Ein besonderes Merkmal ihres Schaffens war ihre Tierliebe. In ihren Tiergeschichten setzte sie sich für einen respektvollen Umgang mit den Artgenossen ein und forderte Kinder auf, deren Freundinnen und Freunde zu werden. Sie wurde als lebensfrohe Frau mit grossem Einfallsreichtum beschrieben, die für nahezu jede Situation einen passenden Vers fand.
Ihr literarischer Nachlass umfasste Hunderte von Gedichten, Geschichten und Lebensweisheiten. Margaretha Kieser gilt als bedeutende Vertreterin der aargauischen Mundartliteratur und als engagierte Förderin der Kinder- und Jugendliteratur in der Schweiz.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Das fiktive Telefonat entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Es basiert auf Gedichten, Aussagen, Fakten rund um Leben und Werk der Autorin.
Einige ihrer Rätsel und Gedichte
Rätsel
«Ich schlüpf hinaus, ich schlüpf hinein,
Ein Schwänzchen kommt stets hintendrein,
Vergiesse manches Tröpflein Blut
Und mache manchen Schaden gut.
Und wenn ich nicht so fleissig war,
So ging wie Bettler man einher.»
«Ein Jümpferchen von Stahl
macht gern ein lustig Tänzchen;
doch hinterlässt es meist
bald Schnörkel und bald Schwänzchen;
bringt manch Geheimnis aus —
Wer von euch kommt wohl draus?»
Gedicht
Hampelmann:
«Ja, ja, ich bin's, schaut mich nur an,
Ich bin der Herr von Hampelmann!
Ich treib gar eine schöne Kunst
Und bitt' daher um eure Gunst!»
Kinder :
«Was Kunst? Du schlenkerst nur das Bein,
Verstehest das auch nicht allein!
Wer gar nichts aus sich selber kann,
den nimmt man nicht als Künstler an!»
Fabel
Mistel und Moos
Mistel sprach mit feinem Hohn
Zu dem niedem Moose :
«Schau einmal, wie hoch ich thron
Tausch mit meinem Lose!»
Moos erwidert: «Tauschen, nein,
mag die Ehr dir gönnen,
müsste ja Schmarotzer sein,
müsste kriechen können!»
Quelle: LNB 1948: Margaretha Kieser (1829-1901) : eine vergessene Lenzburger Dichterin. mehr
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, Zürich 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Telefonat mit Margaretha Kieser
Philosophin, Schriftstellerin
«Sie verfügte über so profunde Kenntnisse im schwierigsten «Männerfach» ihrer Epoche, der Philosophie, dass selbst internationale Koryphäen dieses Wissensgebietes mit ihr korrespondiert und ihre Meinung eingeholt haben.»
(AT. 9.6.1990: Die einsame Lenzburger Philosophin in Tennessee)
Olga Maria Pauline Hünerwadel wurde im Jahr ihrer Elternreise ins russische Zarizyn geboren. Nach der Rückkehr der Familie in die Schweiz wuchs sie in St. Gallen und Zürich auf. Obwohl sie über eine konzertreife Gesangsstimme verfügte, entschied sie sich gegen eine musikalische Karriere. 1863 heiratete sie den preussischen Seekapitän Eugen Plümacher, der später Schweizer Bürger wurde. Durch ihn kam die Familie nach Tennessee in die von ihm gegründete Schweizerkolonie Grütli.
Während ihr Mann als Handelsagent, Diplomat und Konsul u.a. in Maracaibo tätig war, widmete sich Olga intensiv dem Studium der deutschen Philosophie. Nach einem Hausbrand 1877 kehrte sie mit ihren Kindern vorübergehend in die Schweiz nach Lenzburg zurück und veröffentlichte ab 1879 ihre ersten philosophischen Arbeiten. Zu ihren wichtigsten Werken zählen Der Kampf um’s Unbewusste (1881) und Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart (1884). Sie beschäftigte sich besonders mit den Ideen von Arthur Schopenhauer und Eduard von Hartmann und wurde zu einer bedeutenden Vertreterin des philosophischen Pessimismus.
Eine wichtige Rolle spielte sie im Leben des jungen Schriftstellers Frank Wedekind. Als dessen „philosophische Tante“ führte sie ihn früh in die Gedankenwelt Schopenhauers, Hartmanns und Nietzsches ein. Ihr Einfluss auf Wedekinds geistige Entwicklung wird von der Forschung als erheblich eingeschätzt. Ebenso wurde ihr drittes Werk bei Nietzsche und Beckett (Warten auf Godot) mit zahlreichen Notizen gefunden.
Der Tod ihres Sohnes Hermann im Jahr 1886 erschütterte sie tief. In ihren späteren Jahren schrieb sie über Philosophie, Theosophie und Parapsychologie. Sie starb 1895 in Tennessee unter ungeklärten Umständen. Nach ihrem Tod verschwanden ihre umfangreiche Bibliothek sowie zahlreiche Manuskripte und Briefe quasi über Nacht. Obwohl sie zu Lebzeiten Anerkennung fand und sogar von Nietzsche gelesen wurde, geriet ihr Werk praktisch vollständig in Vergessenheit. Heute wird sie zunehmend als aussergewöhnliche autodidaktische Philosophin und wichtige Denkerin des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Plümacher verfasste neben zahlreichen publizierten Artikeln und Essays drei Hauptwerke:
Der Kampf um’s Unbewusste:
Zwei Individualisten der Schopenhauer’schen Schule
Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart
Podcast über Olga Plümacher
Schriftstellerin, Schauspielerin, Theaterregisseurin
«Für unsere schweizerdeutscheLiteratur [wurde sie] zu einer Bahnbrecherin.»
(Die Schweiz 1918)
Fanny Oschwald-Ringier war eine bedeutende Schriftstellerin, Theaterautorin und Pionierin der schweizerdeutschen Mundartliteratur. Als jüngstes von acht Kindern einer angesehenen Lenzburger Familie wuchs sie auf dem Gut «Burghalde» auf. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wurde sie von verschiedenen Erzieherinnen betreut. Ihre Ausbildung erhielt sie unter anderem am königlichen Katharina-Stift in Stuttgart, wo sie vom Dichter Eduard Mörike unterrichtet wurde. Nach einer schweren Typhuserkrankung kehrte sie in die Schweiz zurück, bildete sich weiter und engagierte sich in Musik und Theater.
1863 heiratete sie den Kaufmann Theodor Oschwald und wurde Mutter zweier Kinder. Nach dem Tod ihres Bruders übernahm sie zusätzlich die Verantwortung für mehrere Waisenkinder, ihre Nichten und Neffen, darunter die spätere Schriftstellerin Martha Ringier. Trotz ihrer umfangreichen familiären Pflichten blieb sie kulturell aktiv und trat erfolgreich im Lenzburger Liebhabertheater auf.
Mit 40 begann sie zu schreiben. Es entstanden zahlreiche Novellen, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Festspiele. Besondere Bekanntheit erlangte sie mit dem Lenzburger Festspiel zur Bundesfeier von 1891, in dem sie selbst die Gräfin von Lenzburg spielte. Ihre Werke wurden weit über den Aargau hinaus aufgeführt und gelesen.
In den 1890er-Jahren wandte sie sich verstärkt der Mundartliteratur zu. Mit Erzählungen wie «Es Jo für es Nei» und Sammlungen wie «Aller Gattig Lüt» trug sie wesentlich und als eine der ersten zur Anerkennung der schweizerdeutschen Mundart als literarische Ausdrucksform bei. Zeitgenossen würdigten ihre psychologische Feinfühligkeit, ihren Patriotismus und ihre starke Verbundenheit mit Volk und Heimat.
Nach ihrem Umzug nach Basel schrieb sie weiter und veröffentlichte mehrere erfolgreiche Werke. Fanny Oschwald-Ringier starb 1918. Heute gilt sie als Wegbereiterin der Mundartdichtung und als wichtige Persönlichkeit der Schweizer Literaturgeschichte.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Das fiktive Telefonat entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Es basiert auf Gedichten, Aussagen, Fakten rund um Leben und Werk der Autorin.
Werkauswahl von Fanny Oschwald Ringier:
Volksschauspiel in Lenzburg : aufgeführt im September 1895 von der Liebhabertheatergesellschaft Lenzburg
Aller Gattig Lüt
D' Ammerei Kümmerli und ihre Gottfried : Erzählung
Aller Gattig Lüt
Podcast über Fanny Oschwald Ringier
Cellistin, Sängerin
«Sie wird gar als «Kammervirtuosin der Königin von England» bezeichnet.»
(Neue Zeitschrift für Musik vom 1.2.1878, S. 58.)
Anna Ludwika Kull gehörte zu den ersten professionell auftretenden Cellistinnen des 19. Jahrhunderts und zählte zu den bemerkenswerten Musikerinnen ihrer Zeit. Sie wurde in Klausenburg (heute Cluj-Napoca in Rumänien) als Tochter der österreichischen Adligen Emerentia Johanna Jöchlinger von Jochenstein und des aus Niederlenz stammenden Musikers und Müllers Jakob Kull geboren. Ihren ersten Musikunterricht erhielt sie von ihrem Vater. Mit zwölf Jahren studierte sie in Zürich bei Adam Schleich, später in München bei Hofmusiker Hippolyt Müller.
Bereits als Kind zeigte sich ihr aussergewöhnliches Talent. Mit nur 13 Jahren trat sie öffentlich als Cellistin auf und beeindruckte Publikum und Presse durch ihre technische Virtuosität, Ausdruckskraft und musikalische Reife. Zeitgenössische Kritiker hoben besonders ihren warmen Ton, ihr gefühlvolles Spiel und ihre erstaunliche Beherrschung eines damals als für Frauen ungeeignet geltenden Instruments hervor. Unter anderen wurde Anna von Zéline Hünerwadel gefördert.
Zwischen 1855 und 1860 konzertierte Anna Kull in zahlreichen europäischen Städten, darunter in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Besonders in London feierte sie grosse Erfolge und wurde als junge Virtuosin begeistert aufgenommen. Dort schuf der Präraffaelit James Smetham ein Porträt von ihr. Die Presse sah in ihr eine zukünftige Künstlerin von internationalem Rang.
Trotz ihres Erfolgs zog sich Anna Kull bereits mit 19 Jahren auf Wunsch ihrer Eltern weitgehend aus dem öffentlichen Konzertleben zurück, da man um ihre Gesundheit besorgt war. Dennoch blieb sie der Musik verbunden und trat gelegentlich weiterhin auf, etwa bei einem Wohltätigkeitskonzert in Graz im Jahr 1877.
Über ihr späteres Leben ist wenig bekannt. Sie lebte zeitweise auf dem Adelssitz ihrer Mutter und starb 1923 auf Schloss Trient. Ihr Cello vermachte sie der Stadt Graz. Heute wird sie als bedeutende Pionierin des Violoncellos wiederentdeckt; ein internationaler Cello-Wettbewerb in Graz trug bis 2022 ihren Namen.
Internationaler Cello-Wettbewerb
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Podcast über Anna Kull
Pionierin der Wohltätigkeit und Schweizer Frauenbewegung
««Die Schweizerfrau» ist die Krone ihrer Werke. «Die Schweizerfrau» ist eine patriotische Tat!»
(Zitat Emma Coradi-Stahl über die gleichnamige Publikation, in: Villiger-Keller 1910)
Gertrud Villiger-Keller zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der frühen Schweizer Frauenbewegung. Geboren in Lenzburg als Tochter des Staatsmannes Augustin Keller und der Musikerin Josefine Pfeiffer, wuchs sie in Wettingen und Aarau auf. Nach ihrer Ausbildung heiratete sie 1866 den Juristen und späteren Lenzburger Stadtammann Fidel Villiger. Nach dem Umzug nach Lenzburg widmete sie sich zunächst ihrer Familie und der lokalen Wohltätigkeitsarbeit.
Ab 1887 präsidierte sie den Gemeinnützigen Frauenverein Lenzburg. Bereits ein Jahr später übernahm sie die Leitung des von ihr mitgegründeten Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF), den sie bis zu ihrem Tod führte. Unter ihrer Führung entwickelte sich der SGF zum grössten und zeitweise einflussreichsten Frauenverband der Schweiz mit rund 8000 Mitgliedern. Gertrud Villiger-Keller setzte sich insbesondere für die Bildung von Frauen und Mädchen ein. Sie förderte Haushaltungs- und Dienstbotenschulen, unterstützte die Gründung der Zürcher Pflegerinnenschule durch Anna Heer und engagierte sich für die Vermittlung von Heimarbeit.
Darüber hinaus trug sie dazu bei, dass Frauenorganisationen staatliche Anerkennung erhielten und in soziale Aufgaben eingebunden wurden. Der SGF schloss sich der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft an, trat dem Schweizerischen Roten Kreuz bei und erhielt staatliche Unterstützung für hauswirtschaftliche Bildungsangebote. Gertrut Villiger-Keller engagierte sich zudem in der Gesundheitsförderung, im Kampf gegen Tuberkulose und Alkoholmissbrauch sowie für den Schutz von Frauen und Kindern.
Obwohl sie nicht direkt für politische Rechte kämpfte, stärkte sie die gesellschaftliche Stellung der Frauen nachhaltig. Ihr Ziel war es, Frauen zu selbstständigem Denken und verantwortungsvollem Handeln zu befähigen. Zeitgenossen beschrieben sie als gütige, tatkräftige und vorbildliche Schweizerin. 1903 wurde sie Ehrenbürgerin von Lenzburg. Ihr Wirken machte sie zu einer Schlüsselfigur der Schweizer Frauenbewegung, an die heute der Gertrud-Villiger-Platz in Lenzburg erinnert.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, Zürich 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Konzertsängerin, Pianistin
«Man muss sie gehört haben. Da muss jede Kritik verstummen.»
(Badener Tagblatt 10.4.1877, in: LNB 1934)
Babette Wyss-Thomann stammte aus einer Lenzburger Kaufmannsfamilie mit ausgeprägter musikalischer Begabung. Bereits als Kind erhielt sie Klavierunterricht beim Lenzburger Musikdirektor Gottlieb Rabe. Nach ihrer Schulzeit verbrachte sie ein Jahr in Paris und entwickelte ihre musikalischen Fähigkeiten weiter. Mit 18 Jahren spielte sie Franz Liszts anspruchsvolle Norma-Fantasie und begann zugleich, ihre Sopranstimme professionell auszubilden.
1866 heiratete sie Albert Wyss, den Gründer eines erfolgreichen Eisenwarengeschäfts. Von ihren drei Töchtern erbten insbesondere Clara und Minna das musikalische Talent ihrer Mutter. Clara wurde später selbst eine angesehene Pianistin und Sängerin. Babette Wyss engagierte sich über viele Jahre im Lenzburger Gesangsverein und gehörte gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin Anna Strauss zu den tragenden Kräften im Sopran. Als Solistin wirkte sie jahrzehntelang bei Liedern, Oratorien und Konzerten mit und war weit über Lenzburg hinaus bekannt. Sie trat bei Jugendfesten auf, sang in verschiedenen Aargauer Städten und sprang sogar kurzfristig für erkrankte Sängerinnen, wie Minna von Greyerz, ein.
Zeitgenössische Kritiken lobten ihre hervorragend geschulte Stimme, ihren klangvollen Sopran und ihre musikalische Ausdruckskraft. Besonders hervorgehoben wurden ihre Bescheidenheit und ihr unprätentiöses Auftreten.
Ihre lebenslange Verbundenheit zur Musik zeigte sich auch im Alter: Noch als Achtzigjährige spielte sie die Lieblingsstücke ihrer Jugend auswendig auf dem Klavier und blieb damit ein prägender Teil des Lenzburger Musiklebens.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Sängerin, Pianistin
Anna Walter-Strauss mit ihrem Mann
«Ihrer Vaterstadt Lenzburg hat Frau Walter stets die Treue gehalten und hat auch hier mit den reichen Gaben ihrer Kunst immer wieder alle Herzen erfreut.»
(Braun 1932)
Anna Strauss wurde als Tochter des Musikers und Zeichenlehrers Gustav August Strauss und Luise Kraft in Lenzburg geboren. Bereits als Kind zeigte sie aussergewöhnliche musikalische Begabung, gefördert durch ihre musikalischen Eltern. Da kein Sohn vor Ort war, förderte der Vater die Tochter. Sie erhielt ihren ersten Musikunterricht von ihrer Mutter. Mit zwölf Jahren unterrichtete sie der Lenzburger Musikdirektor Christian Gottlieb Rabe am Klavier.
Schon früh trat sie öffentlich auf und studierte ab ihrem 15. Lebensjahr am Konservatorium in Genf Klavier und Gesang, wo sie für ihre Leistungen mit zwei Silbermedaillen ausgezeichnet wurde. Anschliessend unterrichtete sie selbst Musik und konzertierte erfolgreich in zahlreichen Schweizer Städten. Entscheidende Impulse erhielt ihre Karriere durch weitere Studien in München sowie 1867 bei der berühmten Sängerin und Gesangspädagogin Pauline Viardot-Garcia in Baden-Baden.
In den Jahren 1868 und 1869 erreichte ihre Laufbahn ihren ersten Höhepunkt: Mit über vierzig Konzerten in Deutschland und anderen europäischen Ländern wurde sie zu einer der gefragtesten Sängerin ihrer Zeit. Kritiker lobten ihre makellose Technik, ihre glockenreine Stimme, ihre Musikalität und ihren ausdrucksstarken Vortrag. Besonders in Oratorien und Liedgesang galt sie als herausragend und wurde sogar Kaiserin Augusta vorgestellt.
1869 heiratete sie den Musikdirektor August Walter. Mit ihm unternahm sie zahlreiche Konzertreisen. Trotz persönlicher Schicksalsschläge blieb sie bis ins hohe Alter musikalisch aktiv. Selbst mit über achtzig Jahren begeisterte sie das Publikum mit ihrer erstaunlich frischen Stimme und ihrer Bühnenpräsenz.
Anna Walter-Strauss vertrat die Schweiz auf internationalen Konzertbühnen und prägte das Musikleben ihrer Heimat nachhaltig. Sie starb 1936 im Alter von 90 Jahren und hinterliess ein bedeutendes musikalisches Erbe.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, Zürich 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Podcast über Anna Walter Strauss
Malerin, Bäuerin, Zeichenlehrerin
«Sie lief völlig unstandesgemäss in alten Kleidern herum, besuchte aber auch in gediegenem «Staat» Konzerte, Theater und Kurse in Züricht.»
(Hünerwadel 1937)
Alice Hünerwadel wuchs als jüngste Tochter einer Lenzburger Familie in der Biedermeier-Villa an der Schützenmattstrasse auf. Ihr Bruder Ernst wurde später ein bekannter Architekt. Nach der Schulzeit in Lenzburg erhielt sie ihre künstlerische Ausbildung in der Westschweiz, in München sowie an der Zürcher Kunstgewerbeschule, wo sie sich zwischen 1891 und 1894 intensiv in Zeichnen und Malerei weiterbildete. Aus dieser Phase stammen zahlreiche Aquarelle und gestalterische Studien, die ihr Talent belegen.
Zurück in Lenzburg führte sie eine private Malschule und blieb auch selbst künstlerisch tätig. Später bewirtschaftete sie im Bünztal bei Othmarsingen die kleine Landwirtschaft «Weinhalde», wo sie neben Gartenbau und Tierhaltung weiterhin künstlerisch arbeitete. Ihr Hof wurde zu einem Treffpunkt für Freundinnen und Bekannte, bei dem literarische Lesungen – etwa aus Werken von Carl Spitteler – stattfanden und Kontakte zu kulturellen Kreisen, unter anderem zur Familie von Sophie Haemmerli-Marti, gepflegt wurden.
Nach dem Tod ihrer Eltern zog sie 1926 in die Schützenmatt-Villa in Lenzburg. Alice Hünerwadel blieb bis ins hohe Alter künstlerisch aktiv und hinterliess vor allem Blumenaquarelle, Studien und bemaltes Porzellan. Teile ihres Werkes aus der Ausbildungszeit sind erhalten und werden heute im Museum Burghalde sowie in lokalen Sammlungen aufbewahrt.
Zeitgenossen beschrieben sie als eine eigenwillige, hochbegabte und originelle Persönlichkeit, die sich ganz der Kunst und einem freien, naturverbundenen Leben widmete. Sie starb 1939 auf dem Weg zur Schweizerischen Landesausstellung und hinterliess ein vielfältiges, wenn auch eher im kleinen Rahmen bekanntes künstlerisches Erbe.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, Zürich 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Sängerin, Musikpädagogin
«Ein Konzert in Lenzburg ohne Minna von Greyerz war kein Konzert.»
(Peter Mieg: Nachruf, in: LNB 1950)
Minna von Greyerz wurde als Tochter von Sophie Wedekind und Oberst Walo von Greyerz in Lenzburg geboren und wuchs in einem musikalisch und kulturell geprägten Umfeld auf. Schon früh zeigte sich ihre starke musikalische Begabung, und sie trat als Sängerin in Opern- und Konzertaufführungen auf. Zwischen 1884 und 1887 studierte sie am Dresdner Konservatorium Gesang und Klavier und kehrte danach nach Lenzburg zurück, wo sie während vieler Jahrzehnte als Gesangs- und Klavierpädagogin wirkte.
Besonders prägend war ihre Rolle als engagierte Musikvermittlerin und begeisterte Konzertbesucherin. Sie galt als leidenschaftliche, temperamentvolle Persönlichkeit, die durch ihre Präsenz jedes Konzertleben in Lenzburg entscheidend mitprägte. Zeitgenossen beschrieben sie als «musikalische Muse», die mit ihrer Begeisterung Publikum und Künstschaffende gleichermassen ansteckte und damit als verbindendes Element zwischen Bühne und Zuhörerschaft wirkte. Kein bedeutendes Konzert in Lenzburg schien ohne ihre lebhafte Teilnahme stattzufinden.
Zu ihren Schülerinnen gehörte unter anderem die später international bekannte Sängerin Erika Wedekind. Der Lenzburger Maler, Autor und Komponist Peter Mieg widmete ihr ein Klavierwerk und erinnerte sich an ihre inspirierende Wirkung. Sie wurde als aufgeschlossen gegenüber neuer Musik beschrieben und verfolgte die musikalische Entwicklung ihrer Zeit mit grossem Interesse.
Persönliche Verluste wie der Tod ihrer Mutter prägten ihr Leben, doch blieb sie zeitlebens aktiv, unterstützte ihre Familie und engagierte sich in der Musikszene. Sophie Haemmerli-Marti würdigte sie in einem Nachruf als lebensvolle, edle Persönlichkeit und «Muse».
Minna von Greyerz starb 1951 im Alter von 90 Jahren und hinterliess das Bild einer aussergewöhnlich prägenden Figur des Lenzburger Musiklebens, deren Einfluss weit über ihre pädagogische Tätigkeit hinausging.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, Zürich 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
*Inhalt*
Malerin
«Gott schenkte ihr das Genie, und dieses wurde auf bewundernswerte Weise ernährt und kultiviert.»
(Gazzetta Provinciale di Bergamo 7.9.1883)
Clara Alwina Müller wird als Tochter einer Schweizer Pfarrersfamilie in Densbüren geboren und wächst im Umfeld der Strafvollzugsanstalt Lenzburg auf. Dort hat ihr Vater als reformorientierter erster Gefängnisdirektor gewirkt. Er war ausserdem Mitbegründer verschiedener Bildungs- und Finanzinstitutionen in Lenzburg. Nach ihrer Schulzeit in Bergamo erhält sie eine fundierte künstlerische Ausbildung, zunächst bei Enrico Scuri an der Accademia Carrara und später als Schülerin von Cesare Tallone. Für die junge Künstlerin eine einmalige Gelegenheit, zumal in dieser Zeit Frauen der Zugang an Kunstakademien verwehrt war. Früh entwickelt sie sich zu einer gefragten Porträt- und Blumenmalerin.
Ab den 1880er-Jahren arbeitet sie erfolgreich in Italien, der Schweiz, Deutschland und später auch in England. Besonders in Bergamo, wo sie sich künstlerisch etabliert, sowie in internationalen Kreisen erhält sie Anerkennung. In London und weiteren europäischen Zentren entstehen repräsentative Porträts, auch für Angehörige der englischen Aristokratie. Ihr Werk zeichnet sich durch psychologische Feinheit in der Porträtkunst und poetische, lichtdurchflutete Blumenstillleben aus, geprägt vom impressionistischen Einfluss. In späteren Jahren zieht sie sich vermehrt zurück und arbeitet in ihrem Atelier in Bergamo weiter.
Trotz dieser Erfolge bleibt ihre finanzielle Situation bescheiden, und eine nachhaltige Anerkennung in der Kunstwelt bleibt zeitlebens aus. Clara Müller stirbt 1929 in Bergamo. Ihr Nachlass bleibt Jahrzehnte in Familienbesitz in der Schweiz und gelangt erst 2019 in Museumsbesitz, wo das Werk in verschiedenen Ausstellungen einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.
Trotz dieser Erfolge bleibt ihre finanzielle Situation bescheiden, und eine nachhaltige Anerkennung in der Kunstwelt bleibt zeitlebens aus.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» und im Kunstführer «Clara Alwina Müller» (beide hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025). Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung.
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Podcast über Clara Müller
Lehrerin, Dichterin
«Wenn d’Länzburger wüsste, was 's het z bedüte, si tete mit allne Glogge lüte!»
(Die Notiz, welche die Dichterin anlässlich eines Besuches des Nobelpreisträgers Carl Spitteler in Lenzburg schrieb, schloss mit diesem Reim. Georges Gloor: Dichterfreundschaft mit einem Nobelpreisträger. Zur Begegnung Sophie Haemmerlis mit Carl Spitteler, in: LNB 1976.)
Sophie Haemmerli-Marti wächst in Othmarsingen in einem bäuerlichen Elternhaus auf, das ihr früh soziale Verantwortung und den Umgang mit Not vermittelt. Nach der Schulzeit in Lenzburg besucht sie das Aarauer Lehrerinnenseminar, unter anderem mit ihrer Jugendfreundin von Schloss Lenzburg, der späteren königlich-sächsischen Kammersängerin Erika Wedekind. Früh arbeitet sie als Hauslehrerin in Paris sowie als Lehrerin im Aargau. 1890 heiratet sie den Lenzburger Arzt Max Haemmerli und wird Mutter von vier Töchtern, die sie zunächst selbst unterrichtet.
In ihrer Ehe verbindet sich Familienleben mit intensiver geistiger Tätigkeit. Reisen durch Europa und Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Carl Spitteler und Hans Thoma erweitern ihren kulturellen Horizont. Nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten 1931 zieht sie mit ihrer Tochter nach Zürich, wo sie stets literarisch aktiv 1942 stirbt.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Das fiktive Telefonat entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Es basiert auf Gedichten, Aussagen, Fakten rund um Leben und Werk der Autorin.
Haemmerli-Marti gilt als eine der bedeutendsten Schweizer Mundartschriftstellerinnen. Ausgehend von ihrem Erstwerk „Mis Chindli“ (1896) entwickelt sie eine eigenständige Mundartdichtung, die besonders Kindheit, Muttersein und Alltagsleben poetisch verarbeitet. Ihre Texte verbinden Einfachheit, Bildkraft und emotionale Tiefe und wurden vielfach vertont und im Volksgut verankert.
Besonders bekannt sind ihre Gedichte zu sozialen und gesellschaftlichen Fragen, etwa zum Frauenstimmrecht, das sie früh und entschieden befürwortete. Ihr Werk reicht von Kinderliedern über philosophische Mundartgedichte bis zu Bekenntnislyrik.
Als erste Frau hielt sie 1928 die viel zitierte Jugendfestrede.
Zeitgenössisch wurde sie sowohl bewundert, ausgezeichnet als auch angefeindet, insbesondere wegen ihrer emanzipatorischen Haltung. Posthum blieb sie literarisch präsent, ihre Werke wurden mehrfach neu herausgegeben und wissenschaftlich aufgearbeitet. Heute gilt sie als zentrale Stimme der schweizerdeutschen Literatur und als prägende kulturelle Figur des Aargaus.
Werke
Hier eine Auswahl von Sophies Werken:
- Mis Chindli. Ein Liederkranz für junge Mütter. Henckell, Zürich 1896
- Grossvaterliedli. Francke, Bern 1913
- Wienechtsbuech. Francke, Bern 1913
- Im Bluest. Gedichte. Francke, Bern 1914
- Is Stärneland. Verse. Schwabe, Basel 1927
- Gaggaggah und Güggerüggüh. Tierverse. Schwabe, Basel 1928
- Allerseele. Gedichte. Orell Füssli, Zürich 1928
- Mis Aargäu. Land und Lüt us miner Läbensgschicht. Sauerländer, Aarau 1939
- Läbessprüch. Gedichte. Sauerländer, Aarau 1939
- Rägeboge. Gedichte. Sauerländer, Aarau 1941
- Z Välte übers Ammes Hus. Kinderlieder. Sauerländer, Aarau 1942
- Passionssprüch. Gedichte. Sauerländer, Aarau 1943
- Gesammelte Werke. Hrsg. von Carl Günther. Sauerländer, Aarau 1947–52Osterzyt.
- Gedicht und Gschichtli. Schwyzerlüt, Fryburg 1953
- Chindeliedli. Sauerländer, Aarau 1986, ISBN 3-7941-2790-0
- Ebigs Für. Ausgewählte Werke mit Biografie in Wort und Bild. Hrsg. von Claudia Storz u. a. Baden 2003, ISBN 3-85545-867-7
Ihre Gedichte können im Museum Burghalde eingesehen werden.
Telefonat mit Sophie Hämmerli Marti
Sängerin, Schauspielerin, Gesangspädagogin
««Ich erwachte eines Morgens und war berühmt» passt kaum auf jemand ebenso gut wie auf unsere junge Künstlerin.»
(Braun 1933)
Erika Wedekind wird 1868 in Hannover geboren und wächst als Tochter der Sängerin Emilie Kammerer und des Arztes Friedrich Wilhelm Wedekind auf. Ihre frühe Kindheit verbringt sie ab etwa 1872 auf Schloss Lenzburg, wo sie in ein musikalisch und kulturell lebendiges Umfeld hineinwächst. Früh erhält sie Gesangsunterricht, unter anderem bei Minna von Greyerz, und wird durch den Lenzburger Musikdirektor und Organist Johann Hermann Hesse gefördert.
Mit 15 beginnt sie eine Lehrerinnenausbildung in Aarau zusammen mit Sophie Hämmerli-Marti, bevor sie ihre musikalische Laufbahn konsequent weiterverfolgt. Zwischen 1891 und 1894 studiert sie am Konservatorium Dresden bei Aglaja Orgeni und Gustav Scharfe. Bereits während dieser Zeit tritt sie in Gesellschaftskonzerten auf und wird gleich nach ihrem Debut von der Dresdner Hofoper engagiert. Dort wirkt sie bis 1909 als gefeierte Koloratursopranistin. Sie erhält zahlreiche Auszeichnungen und Titel, unter anderem «königlich sächsische und grossherzoglich hessische Kammersängerin».
Ihr künstlerischer Durchbruch erfolgt Mitte der 1890er-Jahre mit Erfolgen in Dresden und Leipzig. Sie gastiert anschließend an bedeutenden Opernhäusern Europas, darunter London (Covent Garden), Berlin, Hamburg, Kopenhagen, München und Stockholm. Ihre Stimme wird als silberklar, beweglich und technisch brillant beschrieben, zugleich besitzt sie ausgeprägtes darstellerisches Talent, das ihr auch im Musiktheater grosse Anerkennung bringt. Zeitweise unterstützt Sie ihre jüngeren Brüder, Frank und Donald Wedekind finanziell, bis beide genug verdienen, um sich selbst versorgen zu können.
1898 heiratet sie den Juristen Walther Oschwald. Neben ihrer Bühnenkarriere wird sie später auch eine bedeutende Gesangspädagogin, zunächst in Dresden (1914–1930). Sie bildet zahlreiche Schülerinnen aus und gibt ihre Erfahrung weiter. 1930 zieht sie mit ihrem Ehemann nach Zürich, wo sie noch einige Jahre unterrichtet. Sie stirbt 1944.
Zeitgenössische Kritiken feiern sie als eine der herausragenden Sängerinnen ihrer Generation, deren Erfolg aus technischer Virtuosität, Bühnenpräsenz und emotionaler Ausdruckskraft zusammengesetzt ist.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Podcast über Erika Wedekind
Schriftstellerin, Redaktorin
«Erziehen heisst nicht viele Worte machen, erziehen heisst vorleben.»
(Ringier 1959)
Martha Ringier wuchs nach dem frühen Tod ihrer Eltern als Vollwaise zusammen mit ihren Geschwistern bei ihrer Tante Fanny Oschwald-Ringier auf der Burghalde in Lenzburg auf. Dort entwickelte sie früh ihre Liebe zur Literatur. Bildungsaufenthalte in Weimar und Genf erweiterten ihren Horizont, bevor sie 1895 mit ihrer Pflegefamilie nach Basel zog.
Als Schriftstellerin, Redaktorin und Kulturvermittlerin prägte sie das literarische Leben der Deutschschweiz. Ab 1918 wirkte sie als Mitredaktorin der Familienzeitschrift «Die Garbe» sowie des Jahrbuchs «Die Ernte». Zudem betreute sie den Schweizerischen Tierschutzkalender und die Reihe «Gute Schriften». 1931 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen des Schweizerischen Jugendschriftenwerks (SJW).
Ringier verfasste Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke, Lebenssprüche und Tiergeschichten in Hochdeutsch und Mundart. Besonders ihre SJW-Hefte wie «Simba», «Die tapfere Khadra» oder «Teneko, der Samojede» machten sie bei Generationen von Kindern bekannt. Ihre Werke vermitteln Mitgefühl, Verantwortung und Achtung vor Mensch und Tier.
Sie pflegte enge Beziehungen zu bedeutenden Literaten. Hermann Hesse wohnte zeitweise bei ihr und begann dort die Arbeit am „Steppenwolf“. Mit Friedrich Glauser verband sie eine tiefe Freundschaft; er nannte sie „Maman Marthe“.
Während des Zweiten Weltkriegs engagierte sie sich für die Kinderhilfe des Roten Kreuzes. 1961 wurde sie Ehrenmitglied des Schweizerischen Tierschutzverbandes. Sie starb 1967 in Basel. Martha Ringier gilt als stille, aber einflussreiche Kulturvermittlerin, deren humanistische Haltung ihr gesamtes Werk prägt.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Der Podcast entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Der mit K.I. generierte Dialog basiert auf verifizierten Fakten um Leben und Werk der Person.
Das fiktive Telefonat entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Es basiert auf Gedichten, Aussagen, Fakten rund um Leben und Werk der Autorin.
Ihre Werke können unter anderem im Museum Burghalde betrachtet werden.
Der Kranz. In: Lenzburger Neujahrsblätter, Band 3 (1932), S. 4–11.
Telefonat mit Martha Ringier
Keramikerin, Künstlerin, Designerin
«Echtes ehren, Schlechtes wehren, Schweres üben, Schönes lieben.»
(Dieser Spruch befindet sich neben anderen im Wachstuchheft Nr. 2, Seite 6. MBL: Elisabeth Eberhardt.)
Elisabeth Eberhardt gehörte zu den bedeutendsten Keramikerinnen und Keramikdesignerinnen der Schweiz im frühen 20. Jahrhundert. Sie wuchs als jüngstes von drei Kindern in Lenzburg auf und entwickelte früh ein Interesse für Kunst und Gestaltung. Nach Aufenthalten in Saint-Blaise arbeitete sie ab 1903 in einer Töpferei in Steffisburg und besuchte gleichzeitig die Bernische Handwerker- und Kunstgewerbeschule.
Der Versuch, eine eigene Werkstatt zu führen, scheiterte, weshalb sie ihre Keramiken in verschiedenen Töpfereien produzieren liess, unter anderem in Langnau, Aarau, Lenzburg und Unterkulm. Ab 1915 war sie Mitglied des Schweizerischen Werkbundes und stellte ihre Arbeiten regelmässig in der Schweiz aus.
Ihre frühen Werke standen noch unter dem Einfluss des Jugendstils und zeigten florale oder geometrische Dekore. Ab etwa 1913 entwickelte sie jedoch eine eigenständige Formensprache mit experimentellen Farbglasuren und fliessenden Farbübergängen. Damit löste sie sich von den damals vorherrschenden Stilrichtungen und wurde zu einer Vertreterin der schweizerischen Keramik-Avantgarde. Besonders die zwischen 1913 und 1922 entstandenen Arbeiten gelten als Höhepunkt ihres Schaffens.
Internationale Anerkennung erhielt sie 1913 durch eine Einladung zum berühmten Salon d’Automne in Paris. Trotz bescheidener wirtschaftlicher Verhältnisse blieb sie ihrem künstlerischen Weg treu und arbeitete bis ins hohe Alter weiter. Heute befinden sich ihre Werke in bedeutenden Museen und Sammlungen. Ihr Nachlass wird im Museum Burghalde bewahrt und dokumentiert das Werk einer aussergewöhnlich unabhängigen und innovativen Künstlerin.
Die Keramikarbeiten sind im Barocksaal des Museum Burghalde ersichtlich.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Ausstellungs-Diplom 1925
Lehrerin, Pfarrfrau
«Eine jener seltenen Frauen, die zwar in der Stille wirken, aber eine leuchtende Spur hinterlassen»
(Halder 1955)
Clara (auch Klara) Hänny-Hönger wuchs mit drei jüngeren Geschwistern in einem musischen Elternhaus in Roggwil auf. Ihre Eltern, beide Lehrpersonen, förderten Musik und Bildung im Geist von Pestalozzi. Nach dem Lehrerinnenseminar in Hindelbank begann sie 1896 ihre Tätigkeit als Lehrerin in einem Mädchenheim bei Bern, wo sie neben dem Unterricht auch die Betreuung der Kinder übernahm. Diese Erfahrungen prägten ihr lebenslanges Engagement für benachteiligte und entwicklungsgehemmte Kinder. Später unterrichtete sie in Burgdorf.
1903 heiratete sie den Theologen Hans Hänny. Nach Stationen in Kirchleerau und Rheinfelden kam das Ehepaar 1907 nach Lenzburg, wo Hans Hänny Pfarrer und Gefängnisseelsorger wurde. Clara Hänny-Hönger entwickelte sich zu einer zentralen Persönlichkeit des kirchlichen und sozialen Lebens. Sie gründete Sonntagsschulen und Chöre, organisierte Feiern, besuchte Kranke und Bedürftige und engagierte sich in der Pflege- und Armenfürsorge. Enge Freundschaft mit Sophie Haemmerli-Marti. Mathilde Merz arbeitete zuerst als Helferin unter ihnen bis sie selbst gewählt wurde.
Besonders bedeutend war ihr Einsatz im Kampf gegen die Tuberkulose. Während rund 35 Jahren wirkte sie als Fürsorgerin sowie als Präsidentin und Vizepräsidentin entsprechender Frauenorganisationen. Daneben schrieb sie Kinderlieder und Kurzgeschichten.
Zeitgenossen beschrieben sie als unermüdliche, selbstlose und tiefgläubige Frau, die ihre Kraft aus ihrem sozialen und christlichen Engagement schöpfte. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie nach Aarau, wo sie 1953 starb. In Lenzburg blieb sie als engagierte Pfarrfrau, Sozialarbeiterin und Förderin des Gemeinwohls in bleibender Erinnerung.
Sängerin, Pianistin, Gesangs- und Klavierlehrerin
«Aus der Aargauer Musikstadt Lenzburg ist wieder ein Stern aufgegangen.»
(Basler Nachrichten vom 30.10.1906. Zur selben Zeit brilliert auch Erika Wedekind in den Konzertsälen Europas.)
Clara Wirz-Wyss wuchs als jüngste Tochter einer wohlhabenden und kulturell interessierten Familie in Lenzburg auf. Ihr Vater hatte ein erfolgreiches Eisenwarengeschäft gegründet. Schon früh zeigte Clara aussergewöhnliche musikalische Begabung: Bereits mit vier Jahren komponierte sie kleine Stücke, die ihre Mutter notierte. Nachdem sie durch Keuchhusten ihre schöne Singstimme weitgehend verloren hatte, konzentrierte sie sich zunächst auf das Klavierspiel. Der Lenzburger Musikdirektor Johann Hermann Hesse förderte sie intensiv. Bereits mit zwölf Jahren spielte sie Beethovens Klavierkonzert C-Moll mit Orchesterbegleitung.
Nach Studien in Luzern und am Konservatorium in Genf erwarb sie 1900 das Lehrer- und Virtuosendiplom für Klavier. Anschliessend wandte sie sich wieder dem Gesang zu und bildete sich bei der renommierten Gesangspädagogin Aglaja Orgeni sowie in Zürich und Köln weiter. Ab 1905 wirkte sie erfolgreich als Sängerin, Pianistin und Musiklehrerin.
1909 heiratete sie den Schriftsteller und Ingenieur Otto Wirz. Nach Stationen in Bern und Zürich widmete sie sich neben ihrer künstlerischen Tätigkeit der Familie mit drei Kindern. Nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie als Musikpädagogin nach Bern zurück.
Clara Wirz-Wyss erlangte internationale Anerkennung als Konzertsopranistin. Sie trat in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien auf und begeisterte besonders mit Oratorien, Kantaten und Messen. Trotz ihres Erfolgs blieb sie ihrer Heimatstadt Lenzburg eng verbunden. Sie starb 1971 und gilt als eine der bedeutendsten Musikerinnen Lenzburgs.
Podcast über Clara Wirz
Dichterin
«Es goht e Trost, e gheime, Dur my Tag: Solang as du mr läbsch, Schwigt jedi Chlag.»
(Remund 1947)
Marguerite Elisabeth „Margrit“ Remund (1882–1945) wurde in der Mittleren Mühle in Lenzburg geboren und wuchs mit drei Brüdern in einer wohlhabenden Müllerfamilie auf. Der Betrieb ihrer Eltern entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Unternehmen der Stadt. Die Familie war reisefreudig und kulturell interessiert, sodass Marguerite schon früh vielfältige Eindrücke aus der Schweiz und dem Ausland gewann.
Über ihr Leben sind nur wenige biografische Details bekannt. Nach längeren Aufenthalten ausserhalb Lenzburgs kehrte sie später in das Elternhaus am Aabach zurück. Dort widmete sie sich mit grosser Hingabe ihrer Familie und unterstützte Angehörige und Menschen in schwierigen Lebenslagen. Das Haus der Mittleren Mühle wurde unter ihrer Obhut zu einem wichtigen Treffpunkt der weitverzweigten Familie.
Ihre eigentliche Leidenschaft galt jedoch der Kunst und Literatur. In stiller, zurückgezogener Arbeit verfasste sie Gedichte, die sie zeitlebens kaum veröffentlichte. Ihre Lyrik kreist um Sehnsucht, Liebe, Vergänglichkeit, Heimat, Tod und die Suche nach innerem Frieden. Die Gedichte zeichnen sich durch eine feine Sprache, tiefe Empfindsamkeit und eine starke Verbundenheit mit der Natur aus.
Nach ihrem überraschenden Tod im Jahr 1945 wurde aus ihrem teilweise unvollendeten Nachlass ein kleiner Gedichtband veröffentlicht. Die Veröffentlichung erfüllte ihren letzten Wunsch und machte ihr stilles dichterisches Schaffen bekannt. Heute gilt Marguerite Remund als eine bemerkenswerte, wenn auch wenig bekannte Lenzburger Lyrikerin.
Das fiktive Telefonat entstand im Rahmen der Sonderausstellung «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen» (2025–2026). Es basiert auf Gedichten, Aussagen, Fakten rund um Leben und Werk der Autorin.
Telefonat mit Marguerite Elisabeth Remund
Dichterin, (Arztfrau)
«So war die Jugendfestfreude das erste, mich glücklich erfüllende Gefühl, zu den Lenzburgern gehören zu dürfen .»
(Anna Müller-Gallmann, Tagebuchnotiz vom Juli 1923 zum Jugendfest, in: Müller-Gallmann 1969)
Anna Müller-Gallmann (1886–1978) wurde als drittes von vier Kindern in Zürich geboren. In einem naturverbundenen und bildungsorientierten Elternhaus aufgewachsen, studierte sie an der Universität Zürich Germanistik sowie französische und italienische Literatur. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann, den Arzt Hans Müller, kennen. Nach der Heirat zog das Paar 1926 nach Lenzburg, wo Hans Müller eine Arztpraxis führte. 1927 kam ihr Sohn Hans-Peter zur Welt.
Eine chronische Blinddarmentzündung führte 1931 zu einem Herzfehler, der ihre Gesundheit dauerhaft beeinträchtigte. Dennoch unterstützte sie ihren Mann als Laborantin und Mitarbeiterin in der Praxis, engagierte sich für die Familie und pflegte ihre kulturellen Interessen. Im Haus der Familie verkehrten bedeutende Persönlichkeiten wie Hermann Hesse und Paul Klee.
Trotz ihrer Krankheit entwickelte sie eine intensive schriftstellerische Tätigkeit. In Gedichten verarbeitete sie Naturerlebnisse, religiöse Fragen, Sehnsucht und persönliche Erfahrungen. Ihre wichtigsten Werke sind die Gedichtbände Der Weg des Mädchens Muriel (1950), Zeichen am Weg (1961) und Zwischen Hier und Dort (1969). Zudem veröffentlichte sie Erinnerungen unter dem Titel Wie ich Lenzburgerin wurde.
Ihre Lyrik zeichnet sich durch Naturverbundenheit, spirituelle Tiefe und sprachliche Feinheit aus. Anna Müller-Gallmann galt als bescheidene, aber talentierte Autorin, die trotz gesundheitlicher Einschränkungen ein bedeutendes literarisches Werk hinterliess. Sie starb 1978 nach langer Krankheit in Lenzburg.
test
Erste Pfarrerin, Theologin
Die erste Theologin im Aargauer Kirchendienst.
Mathilde Merz war eine Schweizer Theologin und Pionierin der Frauenrechte in der Kirche. Als Tochter eines Turnlehrers wuchs sie mit zwei Geschwistern in Brugg, Aarau und Bern auf. Nach dem Besuch des Literargymnasiums begann sie 1920 ein Theologiestudium an der Universität Bern und schloss dieses 1924 als erste Frau der Schweiz mit einem vollständigen theologischen Studium ab. Obwohl sie das praktische Staatsexamen bestand, wurde ihr die Ordination zunächst verweigert, da Frauen damals kein Pfarramt ausüben durften.
Nach einer Tätigkeit in einem sozialen Hilfsprojekt in Berlin arbeitete sie von 1925 bis 1931 als Kirchgemeindehelferin in Bern. Ende 1931 wurde sie als zweite Pfarrperson nach Lenzburg gewählt – ein damals umstrittener Schritt, der schweizweit Aufmerksamkeit erregte. Trotz Widerständen des Kirchenrats durfte sie ihr Amt antreten, allerdings mit Einschränkungen: Sie durfte weder Konfirmationen durchführen noch das Abendmahl austeilen.
In Lenzburg gewann sie rasch das Vertrauen der Bevölkerung und wirkte über 28 Jahre als geschätzte Seelsorgerin. Erst 1955 wurde sie in Bern offiziell konsekriert, und erst danach durfte sie auch das Abendmahl spenden. Damit wurde sie zur Wegbereiterin für die Gleichstellung von Frauen im Pfarramt. 1959 ging sie aus gesundheitlichen Gründen in Pension. Mathilde Merz starb 1987 und gilt bis heute als bedeutende Pionierin der Schweizer Kirchengeschichte.
Lehrerin, Künstlerin
«Jede Gabe muss wieder Leben erwecken.»
(Zitat von Margrit Haemmerli, in: Tappolet 1981)
Margrit Haemmerli wurde als viertes Kind der Schriftstellerin Sophie Haemmerli-Marti und des Arztes Max Haemmerli geboren. Sie wuchs in einem kulturell und musisch geprägten Umfeld auf, in dem Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle verkehrten. Bereits früh erhielt sie eine umfassende Bildung; ihre Mutter unterrichtete die Kinder zunächst selbst, später erhielt Margrit zusätzlich Lateinunterricht.
Nach der Schulzeit besuchte sie eine Haushaltsschule und arbeitete in einem Basler Atelier. Ein Aufenthalt in England als Französischlehrerin führte ihr jedoch vor Augen, dass ihre eigentliche Berufung in der Kunst lag. Es folgten Studien an renommierten Kunstschulen und Akademien in Karlsruhe, Starnberg, Paris und Ancona. Nach dem Tod ihres Vaters zog sie 1931 mit ihrer Mutter nach Zürich, wo sie ihre künstlerische Ausbildung weiter vertiefte.
Margrit Haemmerli widmete ihr Leben der Malerei und stellte ihre Werke regelmässig aus. Besonders bekannt wurde sie für ihre Blumenbilder und Landschaftsdarstellungen, die weniger die äussere Wirklichkeit als den inneren Eindruck wiedergeben. Musikalische Rhythmen, Transparenz und Bewegung prägen ihr Werk, ebenso der Einfluss der Eurythmie.
Zeitgenossen beschrieben sie als kluge, bescheidene und spirituelle Persönlichkeit mit grosser Ausstrahlung. Erfolg war ihr weniger wichtig als künstlerische Wahrhaftigkeit. Ihr Lebensmotto lautete, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Sie hinterliess ein bedeutendes künstlerisches Werk und gilt als wichtige Vertreterin der Lenzburger Kunstszene des 20. Jahrhunderts.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).
Podcast über Margrit Hämmerli
Lehrerin, Heilpädagogin, Schulgründerin
«Wir unterstützen die Schülerinnen und Schüler, an der Gemeinschaft teilzuhaben und mitzuwirken.»
(Einer der Leitsätze der Heilpädagogischen Schule Lenzburg. Stand August 2025.)
Lina Kunz (1919–1996) war eine Schweizer Lehrerin und Pionierin der Heilpädagogik. Nach ihrer Ausbildung am Lehrerseminar in Zürich arbeitete sie zunächst als Stellvertreterin an verschiedenen Schulen. 1943 heiratete sie den Lenzburger Innenarchitekten und späteren Professor Oskar Kunz. Gemeinsam zogen sie ins Burghaldenhaus in Lenzburg und gründeten eine Familie mit vier Kindern.
Eine entscheidende Wende in ihrem Leben brachte die geistige Behinderung ihrer Tochter Liselotte. Lina Kunz widmete sich intensiv deren Förderung und erreichte entgegen allen Erwartungen, dass das Kind sprechen und gehen lernte. Als sich zeigte, dass es keine geeigneten schulischen Angebote für solche Kinder gab, entwickelte sie die Idee einer eigenen Schule. Gemeinsam mit anderen betroffenen Eltern gründete sie 1960 in Lenzburg die erste Sonderschule für geistig behinderte Kinder im Kanton Aargau.
Bereits 1962 wurde die Schule von Staat und Stadt als öffentliche Volksschule anerkannt und zur ersten offiziellen heilpädagogischen Sonderschule des Kantons. Ihr Erfolg führte zur Gründung weiterer ähnlicher Einrichtungen in allen Regionen des Aargaus. Lina Kunz engagierte sich darüber hinaus schweizweit für die Förderung von Kindern mit Behinderungen, hielt Vorträge und unterstützte Schulgründungen.
Für ihr Lebenswerk erhielt sie 1993 die Ehrenmedaille der Stadt Lenzburg. Ihr Einsatz trug wesentlich dazu bei, dass Kinder mit Behinderungen dieselben Bildungsrechte erhielten wie andere Kinder.
Weitere Angaben in der Publikation «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – 200 Jahre Lenzburger Frauenpower» (Hg. Stiftung Museum Burghalde, 2025. Erhältlich im Museumsshop oder im Buchhandel auf Bestellung).