Ausgegraben

Hier schreiben Museumsmitarbeitende über originelle Fundstücke aus Estrich, Keller und Erde.

Die Kolumne im Lenzburger BezirksAnzeiger erscheint ab August 2020 jeweils in der ersten Ausgabe des Monats.

Mein lieber Schwan (Kolumne 9)

Wie einst die Kinderwagen am Fliessband der ehemaligen Lenzburger Wisa-Gloria-Spielwarenfabrik drehen heute Trottinette, Lastwagen und Schaukeltiere aus Holz und Metall ihre Runden im Dachgeschoss des Museums Burghalde... weiterlesen

Text: Rebecca Nobel vom 05.05.2021 für Lenzburger BezirksAnzeiger

Mondhörner – ganz schön kultig (Kolumne 8)

Die urgeschichtliche Archäologie hat weit mehr zu bieten als Tonscherben, Tierknochen und Werkzeuge aus Feuerstein. Neben der Eismumie «Ötzi» und Pfahlbauern auch seltsame Objektbezeichnungen.

Weder die römische Sprache noch schriftliche Quellen existierten in der Bronzezeit. Und so bleibt die Bedeutung der Mondhörner weiterhin ein Mysterium.

Ein Mysterium? Tatsächlich ist sich die Wissenschaft mittlerweile so weit einig, dass... weiterlesen

Text: Jonas Nyffeler vom 31.03.2021 für Lenzburger BezirksAnzeiger

135 Jahre Erbsli extrafein (Kolumne 7)

Vor genau einem Jahr spielte sich in den hiesigen Supermärkten ein Szenario ab, das vielen zuvor nur aus den Nachrichten von weit her oder aus Spielfilmen bekannt war. Erst schleichend, dann sehr abrupt. Die Regale der Grossverteiler waren plötzlich leergekauft. Teigwaren, Reis, Mehl und Hefe wurden einkaufswagenweise zur Kasse geschoben und waren kurzzeitig begehrte Mangelware. Klopapier drohte zur neuen Währung auf dem Schwarzmarkt zu werden.

Auch ein weiteres Produkt erlebte ungeachtet vieler Foodtrends eine echte Hochkonjunktur: die Konservendose... weiterlesen

Text: Rebecca Nobel vom 03.03.2021 für Lenzburger BezirksAnzeiger

Fiat Lux (Kolumne 6)

Mittlerweile sind die Weihnachtsbeleuchtungen abgehängt und die Tage werden wieder länger. Davon ist allerdings noch nicht allzu viel zu bemerken. Der Februar zieht sich trotz seiner Kürze in die Länge und zehrt im Allgemeinen an den Nerven und den Vitamin-D-Reserven.

Wer täglich weit zur Arbeit pendelt, weiss nur am Wochenende, wie das traute Heim bei Tag aussieht. Carpe diem? Heute tritt die Nachtruhe allerdings einiges nach dem Sonnenuntergang ein. Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts nutzten viele Haushalte hauptsächlich Kerzen und Petrollampen zur Erhellung der Innenräume.

Seit dem Siegeszug des elektrischen Lichtes ist die Abhängigkeit vom Tageslicht deutlich geschwunden. Die Nacht wurde buchstäblich zum Tage gemacht. Arbeiten ist heute zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich, wenn auch nicht unbedingt empfehlenswert.

Ganz im Sinne der biblischen Genesis: «Es werde Licht» (Fiat Lux), ward es Licht. Wir Menschen führten mit der Glühbirne quasi die biblische Schöpfungsgeschichte fort, mögen es damit vielleicht sogar etwas übertrieben haben.

Der Wunsch nach einer Beleuchtung des Eigenheims ist bereits Jahrtausende zurück auszumachen. Lange vor den Gaslampen und Petrollampen des 19. Jahrhunderts brachten Feuerstellen, Kienspäne, Kerzen, Fackeln und Öl- und Talglampen Licht ins Dunkel.

Die wohl ältesten Leuchten des Seetals stammen von Hitzkirch am Baldeggersee. Die jungsteinzeitlichen Bewohner des Sees wollten sich nicht mit einem rauchenden Lagerfeuer begnügen, das viel Holz brauchte und unbewacht rasch gefährlich werden konnte. Viel praktischer waren da die kleinen Talglampen aus gebranntem Ton. Als Brennmittel diente Tierfett, in das als Docht Moos oder Schnüre aus Pflanzenfasern gelegt wurden.

Die Lämpchen konnten dort aufgestellt werden, wo gerade Licht benötigt wurde. Eine kleine Flamme spendete gemächlich, aber geruchsintensiv genau so viel Licht wie nötig war, um sich im Haus zurechtzufinden.

Solch eine jungsteinzeitliche Talglampe aus Hitzkirch ist übrigens im Museum Burghalde ausgestellt.

«Ausgegraben». Hier schreiben Mitarbeiter des Lenzburger Museums Burghalde jeweils in der ersten Ausgabe des Monats über originelle Fundstücke.

Text: Rebecca Nobel vom 03.02.2021 für Lenzburger BezirksAnzeiger

Der Rest vom Fest (Kolumne 5)

Dem widmet sich am ersten Tag des neuen Jahres ein Grossteil der Bevölkerung: dem Rest vom Fest, mit dem das neue Jahr begrüsst wurde. Der eine oder andere vielleicht – je nach Intensität des Festes – auch erst am zweiten Tag. Die Umsetzung guter Vorsätze muss noch etwas warten – bis sie spätestens im Lauf des Frühlings komplett aufgegeben werden.

Dass dem Aufräumen Priorität beigemessen wird, kommt nicht von ungefähr. Mit diesem Akt werden im Grunde die letzten Altlasten des vergangenen Jahres beseitigt. Das Fest fiel dieses Mal vielleicht weniger gross aus als in anderen Jahren. Die Überreste davon sind dafür wohl umso inbrünstiger entsorgt worden – selbstverständlich unter Einhaltung der Mülltrennung.

Das Geschirr landet im Spülbecken, obwohl manch einer vielleicht ein paar Teller oder Sektgläser lieber zerschlagen hätte. Wie befreiend würde es sich wohl anfühlen, die Scherben zusammen mit dem Rest des alten Jahres vor die Tür zu kehren. Aber kaum jemand hat das wohl tatsächlich gemacht. Dazu ist das schöne Geschirr dann doch etwas zu schade. Zu unkontrolliert und kindisch wäre das Ganze. Was würden wohl die Nachbarn denken?

Weniger Hemmungen im Umgang mit Geschirr hatten die Menschen, die in der Bronzezeit – vor rund 3300 Jahren – auf dem Seckeberg in Frick ein Fest feierten. Der Anlass der Feier ist nicht bekannt. Nach dem Festschmaus zerschlug die Festgemeinschaft das dafür gebrauchte Tongeschirr. Als wäre das nicht genug, landeten die Scherben der mindestens 68 Gefässe auch noch im Feuer und wurden abschliessend vergraben. Warum die Gefässe zerschlagen wurden, ist nicht klar. Aus Freude oder vielleicht sogar aus Trauer? Waren die Gefässe eine Gabe an eine höhere Macht? Sicher steckt hinter der Zerstörung mehr als blosse Unlust auf den Abwasch. Wie dem auch sei. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass es – Nachbarn hin oder her – vielleicht ganz erfrischend sein könnte, ein neues Jahr nicht mit knallendem Feuerwerk, sondern mit klirrenden Tellern zu begrüssen. Scherben sollen ja bekanntlich Glück bringen.

Eine Auswahl des Restes vom Fest auf dem Seckeberg ist seit November in der Vitrine «Archäologie aktuell» im Museum Burghalde ausgestellt.

«Ausgegraben». Hier schreiben Mitarbeiter des Lenzburger Museums Burghalde jeweils in der ersten Ausgabe des Monats über originelle Fundstücke.

Text: Rebecca Nobel vom 06.01.2021 für Lenzburger BezirksAnzeiger

Von Rentieren und Luxusschlitten (Kolumne 4)

Die Adventszeit hat begonnen und überall finden sich weihnächtlich dekorierte Geschäfte, Fenster und in goldenes Licht getauchte Einkaufsstrassen. Dieses Jahr muss freilich vielerorts auf Weihnachtsmärkte und allzu gesellige Abende bei Glühwein und Punsch verzichtet werden.
Ein Grund mehr, im trauten Heim für eine Extraportion Weihnachtsstimmung zu sorgen. Dazu gehören in manchen Vorgärten leuchtende LED-Rentiere samt Schlitten. Wahlweise auch zwei bis drei Rentiere ohne Schlitten. Einzeln sollte ein Ren nämlich nicht gehalten werden. Nur in der Herde fühlen sich die flauschigen Stirnwaffenträger wirklich wohl. Und ein mit Geschenken vollgepackter Schlitten ist für ein einzelnes Tier auch ziemlich schwer zu ziehen.
Anders als während der letzten Eiszeit ist die Hirschart heute ausserhalb der Weihnachtszeit nur noch im hohen Norden zu finden, beispielsweise in Lappland, wo je nach Vorstellung und Brauchtum auch der Weihnachtsmann wohnhaft ist. Im Gegensatz zum schweizerischen Mittelland verzeichnen die nordischen Winter noch ausreichend Schnee für Schlittenfahrten.

Dass das vor nicht allzu langer Zeit in Lenzburg auch noch so war, davon zeugt eines der beliebtesten Exponate im Museum Burghalde. Ein künstlerisch toll gestalteter Hundeschlitten aus dem Besitz der Familie Hünerwadel. Die Hünerwadels hielten jedoch kein heulendes Husky-Rudel in einem Zwinger hinter dem Haus. Vielmehr wurde der besagte Schlitten von einem Pferdegespann gezogen. Der hölzerne Aufbau eines luxuriösen Kufenfahrzeuges hat vorne, ähnlich einer Galionsfigur, die Form eines Hundes. Auf der schmalen Sitzbank fanden aber wohl nur die Kinder der Familie genügend Platz. Gebaut wurde der Prunkschlitten im 18. Jahrhundert. Der Künstler ist unbekannt.

Das Barockzeitalter gilt als Blütezeit solcher Luxusschlitten, bei denen Form klar vor Funktion geht. Wer es sich leisten konnte, der liess sich in reich verzierten Hunden, Schwänen, Hirschen und Löwen oder sogar antiken Göttern durch die verschneite Landschaft kutschieren. Ob auch Rentiere beim Ziehen des Schlittens zum Zug kamen, ist leider nicht überliefert.

«Ausgegraben». Hier schreiben Mitarbeiter des Lenzburger Museums Burghalde jeweils in der ersten Ausgabe des Monats über originelle Fundstücke.

Text: Rebecca Nobel vom 03.12.2021 für Lenzburger BezirksAnzeiger

Alte Äpfel (Kolumne 3)

Ein Apfel ist durchschnittlich 150 bis 250 Gramm leicht. Kulturgeschichtlich betrachtet ist er hingegen ein symbolbeladenes Schwergewicht. Ob als Frucht des Baumes der Erkenntnis, Newtons Inspiration zum Gravitationsgesetz oder schillernder Apfelschuss. Die Frucht des Kernobstgewächses ziert angeknabbert
elektronische Geräte, vergiftet gutgläubige Prinzessinnen und symbolisiert als Reichsapfel des Heiligen Römischen Reichs nichts Geringeres als die Weltherrschaft.

Im fernen Mostindien soll es angeblich sogar eine Apfelkönigin geben. Der sprichwörtliche Zankapfel – auch bekannt als goldener Apfel der Zwietracht – gilt sogar als Auslöser für den Trojanischen Krieg. Mit der Aufschrift «Für die Schönste» soll er an einer Hochzeit für einige Unstimmigkeit zwischen den anwesenden Göttinnen gesorgt haben. Über 20 000 Sorten des Rosengewächses, darunter auch die Sorte McIntosh, soll es weltweit geben. Zünftig also, was da jeden Herbst farbenfroh die Obstbäume ziert.

Nicht ganz ohne ist auch die Geschichte der Apfelbäumchen im Garten des Museums Burghalde. Diese sollen nämlich einer urbanen Legende nach aus den Jahrtausende alten Samen jungsteinzeitlicher Wildäpfel gezogen worden sein. Solche haben sich in einigen Fundstellen zwar durchaus erhalten. Keimen können diese Samen allerdings nicht mehr. Von welchem Apfel die Bäumchen abstammen, bleibt also ein Geheimnis. Die kleinen, leuchtend rot-grünen Früchte eignen sich jedenfalls für schmackhafte Apfelwähen – auch eine Erkenntnis!

Echte, verkohlte Wildäpfel aus der Jungsteinzeit gibts im Museum Burghalde zu bestaunen.

Text: Rebecca Nobel vom 05.11.2020 für Lenzburger BezirksAnzeiger

Knochen im Museum (Kolumne 2)

Eine Mischung aus Faszination und Schauder ist in den Gesichtern der Kinder zu erkennen, als ich ihnen erzähle, dass sich im nächsten Ausstellungsraum
echte Menschenknochen befinden. Genauer gesagt, ein ganzer Friedhof aus der Jungsteinzeit. Was sich für einige anhört wie ein Gruselkabinett, ist keinesfalls als solches gedacht. Schliesslich sind die 6200 Jahre alten Skelette wegen ihres kulturgeschichtlichen Wertes ausgestellt. Dieser ist bei den Steinkistengräbern vom Goffersberg gross. Denn steinzeitliche Gräber sind in der Schweiz sehr selten.

Das Grausen in den Kinderaugen schwindet allmählich. Vor allem als die Kinder erfahren, was sich aufgrund der Knochen alles über das Leben der ältesten
Lenzburger herausfinden lässt, steigt die Neugier: Weshalb wurden so viele Menschen in dieselbe Steinkiste gezwängt? Waren die Menschen miteinander
verwandt? Wieso sind sie gestorben?

Am Abend nach einem solchen gewöhnlichen Vermittlungstag räume ich die Urgeschichtswerkstatt auf und packe meine Sachen. Als ich gerade an den Gräbern
vorbeigehe, löscht bereits jemand das Licht im Ausstellungsraum. Kein Problem. Schnell ist die Handytaschenlampe gezückt. Als das schummrige Licht auf
die Knochen in der Vitrine fällt und mir die dunklen Augenhöhlen entgegenblicken, stellen sich mir auch nach all den Jahren meiner Tätigkeit als Archäologin
noch kurz die Nackenhaare auf. Zugeben würde ich das aber niemals! Das jungsteinzeitliche Gräberfeld vom Goffersberg ist in der Dauerausstellung
des Museums Burghalde zu sehen.

Das jungsteinzeitliche Gräberfeld vom Goffersberg ist in der Dauerausstellung des Museums Burghalde zu sehen. Am Sonntag, 25. Oktober, um 16 Uhr findet am Entdeckungsort der Gräber – 500 Meter vom Museum entfernt – die Einweihung der neuen Geländetafel statt.

Text: Rebecca Nobel vom 01.10.2020 für Lenzburger BezirksAnzeiger

Was für ein Theater (Kolumne 1)

Eine Abhandlung über Glas liesse sich auf ganz unterschiedliche Weise beginnen. Beispielsweise, dass Glas zu rund 10 Prozent aus Kalk, zu 20 Prozent aus Soda und zum grossen Rest aus Sand besteht.

Sand? Das lässt im Sommer vor allem an herrliche Strände denken – gerade, da barfuss laufen im Meeressand für die meisten eher eine Träumerei als Realität bleiben wird.

Doch die Wahrscheinlichkeit, hierzulande baren Fusses in eine Scherbe zu treten, dürfte ähnlich hoch sein wie auf einer Ferieninsel. Der herrliche Sommertag wäre also so oder so gehörig vermiest. Lieber geniessen die Daheimgebliebenen das Seetal und trinken einen kräftigen Schluck des köstlich kühlen Biers aus der Flasche.

Die Römer, die im Lindfeld vor fast 2000 Jahren lebten, tranken zwar noch kein Flaschenbier, für Glas hatten sie allerdings auch sonst reichlich Verwendung. Die Tatsache, dass eher wenig davon bis heute überdauert hat, ist übrigens dem Umstand geschuldet, dass auch die Römer schon Recycling betrieben. Glücklicherweise waren Gläser damals auch eine beliebte Grabbeigabe, sodass sich die Ausgräber und Museumsgäste auch heute noch an der Vielfalt von Formen und Farben antiker Gläser erfreuen können.

Das lateinische Wort für Sand lautet übrigens «arena». In Lenzburg gibt es zwar keine Arena wie in Rom, sehr wohl aber ein ansehnliches szenisches Theater. Also keine weiteren Träumereien von weissen Stränden. Das römische Theater ist immer einen Besuch wert. Mit 4000 (!) Sitzplätzen sollte auch das Abstandhalten in dem halbrunden Bau kein Problem sein.

Das römische Theater ist öffentlich zugänglich. Glasfunde aus der Römerzeit und anderen Epochen gibts im Museum Burghalde Lenzburg.


Bild: Arena für 4000 Besucher: Modell des römischen Theaters in Lenzburg. Sammlung Museum Burghalde Lenzburg
Text: Rebecca Nobel vom 03.09.2020 für Lenzburger BezirksAnzeiger