Kuriositätenkabinett

In dieser Rubrik wird jeden Monat ein Objekt aus den historischen Sammlungen des Museum Burghalde Lenzburg vorgestellt.

Der Titel dieser «Rubrik» geht auf das Kuriositätenkabinett zurück, das im 14. Jahrhundert entstand und ein Vorläufer der heutigen Museen ist. In diesem Raum oder Schrank wurde alles gesammelt, was als interessant angesehen wurde. Die Sammlungen an Kuriositäten gingen von einheimischen Artefakten bis hin zu naturkundlichen Objekten und Fossilien.

Das Seifenköfferchen – oder die Geschichte von Herrn Hüsermann (Kolumne 1)

Erlaubt mir, etwas auszuholen, bevor ich diese erste komische Geschichte erzähle: Seife gibt es schon ewig. Genauer gesagt, wird Seife erstmals bei den Sumerern in einem Keilschrifttext erwähnt. Daraus geht hervor, dass Seife damals als Heilmittel angewendet wurde.

Um nun den Link zu Lenzburg zu machen: Mit ihren Medizinalseifen wurde die Savonnerie de Lenzbourg – in der Region auch unter dem Namen «Seifi» bekannt – etwa 4700 Jahre später erfolgreich. Bald wurden in der Lenzburger Seifenfabrik auch Kernseifen und Seifenflocken hergestellt. Als nach dem zweiten Weltkrieg Waschautomaten für den Haushalt aufkamen und auch noch synthetische waschaktive Substanzen erfunden wurden, verringerte sich der Bedarf an Medizinal- und Kernseifen stark, so dass die Geschäftsleitung der «Seifi» eine strategische Neuausrichtung beschlossen und fortan Spezialartikel wie hochwertige Toilettenseife und andere exotische Produkte fabrizierte. Und da kommt nun eben jenes Seifenköfferchen des Herrn Hüsermann ins Spiel.

Herr Hüsermann war Vertreter, aber nicht etwa Staubsaugervertreter, nein, Herr Hüsermann hatte den Auftrag erhalten, die Seifen der «Seifi» unters Volk zu bringen.

Vertreter, die von Tür zu Tür gehen, waren ja bekanntlich nicht immer willkommen. Aber Herr Hüsermann hatte den Dreh irgendwie raus und wurde in jedem Haushalt herzlich empfangen. Bei einer guten Tasse Kaffee stellte Herr Hüsermann dann jeweils sein blaues Hartplastik-Köfferchen sorgfältig auf den Tisch und präsentierte seine seifigen Kleinode. In diesem Köfferchen zeigte sich Sauberkeit in den unterschiedlichsten Formen. Verschiedene Seifenstücke, alle kreiert für ihre eigene Zielgruppe: Passend zur Mondlandung musste natürlich eine Rakete «für Mondfahrer» in der Sammlung sein. Für Leidende «Nach dem Katzenjammer», für Don Juan der «Herzensbrecher» oder ein rosa Apfel «für Vegetarier». Das passende Produkt gab es auch für «Fussballer-Bräute» und für «Wimbledon-Sieger». Die Hausfrauen liebten Herrn Hüsermanns Seifen und so wanderte er seit den 1960ern für 20 Jahre sämtliche Türen weit über Lenzburg ab. Klar, dass da auch das eine oder andere Frauenherz für ihn schlug. Herr Hüsermann selbst hatte sich ebenfalls verliebt: In das rundliche, orange Nilpferd in seiner Kollektion.

So oder ähnlich könnte sich die Geschichte rund um den Koffer zugetragen haben.

In der neuen Sonderausstellung «Saubere Sache» kann der Seifenkoffer – sobald das Museum Burghalde wieder offen ist – bewundert werden. Die Ausstellung findet sich in eben jener «Seifi», in der früher die präsentierten Seifen hergestellt wurden. Das Museum Burghalde hat 37 Jahre nach der Schliessung der Fabrik den ‚Betrieb‘ erneut aufgenommen. Als Hommage an die «Seifi» wurden extra für die Ausstellung drei neue, wunderbare Seifen kreiert.

Bild: Sammlung Museum Burghalde Lenzburg
Text: Irène Fiechter vom 28.03.2020 für WeLoveLenzburg

Zweifel in Lenzburg (Kolumne 2)

Über Wein und Klötze «Made in Lenzburg»

Ich sitze Zuhause und die Kinder in der Nachbarschaft sind seit zwei Stunden ununterbrochen auf ihrem Riesentrampolin. Sie haben Game-Verbot; kein «Fortnite» und auch kein «Animal Crossing». Was hätte dieser Lockdown wohl früher bedeutet? Wie haben sich Kinder vor über 100 Jahren bei Hausarrest die Zeit vertrieben?

Diese Frage stellten sich schon im Jahre 1915 nicht nur Kinder. Carl Zweifel, ein Lenzburger Architekt und Sohn von Alfred Zweifel, auf den hier noch eingegangen wird, war bedeutend für Lenzburg und man könnte sogar sagen für die ganze Welt! Eine schweizerische Spielzeugindustrie gab es in dieser Zeit noch nicht und so schrieb der Schweizerische Werkbund einen Wettbewerb, für Spielwarenentwürfe aus. Architekt Zweifel tüftelte dafür zwischen zwei Militärdienstzeiten im ersten Weltkrieg an einem Holzbaukasten herum. Nach langem Experimentieren entschied er sich für knapp 50 verschiedene Bauelemente und begann selber damit zu spielen. Als er mit 3000 Klötzchen eine Fläche von zwei auf drei Metern bebaut hatte war er vom Resultat überrascht. «Trotz der wenigen Formen von Bauelementen konnte ich ganze Städte aufbauen.»

Er reduzierte seine ‘nur’ 50 Teile nochmals auf ein kleineres Sortiment und entwarf drei verschiedene Baukästen, die sich gegenseitig ergänzen sollten. So konnten Städte oder Dörfer gebaut werden. Wer alle drei (später sogar vier) Kästen hatte, war natürlich komplett ausgerüstet, um ganze Ortschaften zu entwerfen. Zweifel’s Schweizerstädtchen war ein voller Erfolg und wurde durch den schweizerischen Werkbund ausgezeichnet. So entstanden über Jahre in vielen Schweizer Wohnzimmern ganze Siedlungen und die Eltern konnten frühmorgens auf einsame Holzklötze treten, schon bevor die Legosteine Ende 1930er Jahre aufkamen. Als Zweifel an der Basler Mustermesse seine Städte- und Dorfbaukästen ausstellte, wurde sein Produkt weltberühmt. Seine Spielsachen wurden so erfolgreich, dass Carl sich statt dem Hausbau ganz dem Spielzeughäuschenbau widmete. Im obersten Stock des Museum Burghalde ist so ein Original Zweifel-Bausatz mit Skizzen und Modellen ausgestellt. Carl war sozusagen einer der Mitgründer der Schweizer Spielzeugindustrie und der Baukasten war ohne Zweifel ein Erfolg!

Die Familie Zweifel war in Lenzburg übrigens schon länger bekannt und zählte nicht nur Kinder zu ihrer geschätzten Kundschaft. Auch für Erwachsene gab es attraktive Produkte aus dem Hause Zweifel. 1889 von Carls Vater, Alfred Zweifel eröffnet, hatte die Weinkellerei damals schon einen guten Namen. Die Kellerei sah aus wie eine spanische Bodega, mit Fassadenmalereien im maurischen Stil. Das Medaillon unter dem Rundgiebel des Gebäudes zeigt einen Leuchtturm (span. Faro) und wurde zum Markenzeichen der Weine. An all das erinnert der heute noch erhaltene Fassadenabschnitt der ehemaligen Malagakellerei beim Erlengut-Tunnel. Während sich die Kinder also mit dem Bauen neuer Städte die Zeit vertrieben, konnten die Erwachsenen dem spanischen Malaga-Süsswein der Zweifels frönen. Im Museum Burghalde darf man diese edlen Tropfen zwar nicht degustieren, aber mit den Augen geniessen.

Wir verlosen 3 Eintritte für das Museum Burghalde unter denen, die den Baukasten und den Wein sowie viele weitere spannende Objekte live sehen möchten, sobald das Museum wieder offen hat (8. Juni 2020). Eine E-Mail an info@welovelenzburg.ch mit Name, Adresse und dem Betreff «I Love Zweifelbaukasten» bis Mittwoch, 29. April 2020, 23.59 Uhr, genügt, um an der Verlosung teilzunehmen. Die Gewinner/innen erfahren von ihrem Glück bis Donnerstag, 30. April 2020, 12.00 Uhr.

Bild: Sammlung Museum Burghalde Lenzburg
Text: Irène Fiechter vom 26.4.2020 für WeLoveLenzburg

Kuriose Wurzeln und Schliffstopfenglas (Vorschau Kolumne 3)

Von prähistorischen Werkzeugen zu versteinerten Überbleibseln längst vergangener Zeiten: Im Museum Burghalde erfährt das Publikum, wie unsere Vorfahren gelebt haben. Das Depot des Museums beherbergt Schätze, die der Öffentlichkeit jedoch meist verborgen bleiben. Was schafft es in die Ausstellung und was nicht – und warum?

Riesige Beine stampfen durch die karge Landschaft...

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Bild: Sammlung Museum Burghalde Lenzburg
Text: Irène Fiechter vom 24.5.2020 für WeLoveLenzburg