Lenzburgiana

Anekdoten und Miszellen rund um die blaue Kugel des Lenzburger Stadtwappens – gekürzt und gewürzt auf 1700 Zeichen im Lenzburger Bezirksanzeiger.

Die humoristischen Illustrationen sind als Postkartenserie im Shop des Museum Burghalde erhältlich. Und: was eigentlich auf 12 Monate angedacht war, geht in die Bonusrunde. Ein weiteres Mal erscheint die Kolumne am ersten Donnerstag des Monats, sprich am 4.6., wiederum mit einem einzigen Plakat irgendwo im Städtli (Kolumne lesen und im Städtli finden).

Heimetgfühl. Min Planet (Kolumne 1)

Okay, dieser Titel klingt im Jugendslang etwa wie «Dini Muetter!» oder «Gömmer Migros» – etwas fremd. Doch steckt da nicht auch eine fette Portion Heimatgefühl drin? Aber was bedeutet eigentlich «Heimat», und was heisst schon «Überfremdung»? Wer fühlt sich nicht selbst manchmal fremd, wie ein Astronaut auf dem eigenen Planeten?

Von Migration konnten schon die alten Ritter ein Liedchen singen und die ritterliche Steinfigur samt Brunnen; übrigens der bedeutendste Wassertrog in Lenzburg: Stolz und standhaft hisst dieser Klaus da oben seit 447 Jahren den Passanten seine Lenzburger Fahne. Dieser Klaus ziert übrigens auch das Cover von Edward Attenhofers Büchlein «Lenzburg, du liebe heimelige Stadt». Attenhofers Gedicht «Vision» liest sich romantisch und huldigtseiner Heimatstadt: «Auf dem Hügel, hinter Bäumen, hat der Mond die Wacht gestellt; mir zu Füssen liegt inTräumen längst schon meine Heimatwelt...». Ja der Mond... Gut möglich, dass eigentlich die blaue Mondkugel Lenzburgs Wappen ziert und jüngst auch das Emblem der «Lenzburg Space Agency» (LESA). Oder ist der blaue Kreis doch eher ein Loch im Laken, wie es die Legende zu berichten weiss? Jedenfalls steht im Zentrum stets der Planet. Ob «min Planet» oder dein Planet: Heimat ist da, wo man sich zuhause und zugehörig fühlt.

Mit planetaren Grüssen aus dem Museum Burghalde, ehemals «Heimatmuseum»

Erschienen am 6. Juni 2019 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2019 mphs

Vuglbärbaam (Kolumne 2)

Wenn Brunnentröge, Schuelbuebe und -meitli, ja das ganze Städtli im Blumenmeer versinken, die Augen von Jung und Alt erstrahlen, und der Gout der Fischknusperli noch am Gaumen haftet, dann wird auch Nicht-Lenzburgern klar: Hier gibt es kein Entkommen. Als würde die Festgesellschaft nochmals aufjubeln, bevor sie im Sommerloch entschwindet und die menschenleere Rathausgasse einem postapokalyptischen Film entnommen scheint. In Lenzburg herrscht Ausnahmezustand, insbesondere in geraden Jahren, wenn der Schlachtruf zum Auslöser des Tumults, und der Gofihügel zum Ameisenhaufen wird. Zweifelsfrei ist der Gipfel der Klimax erreicht, wenn im Rathaussaal der Ohrwurm «Vuglbärbaam» seine volle Kraft entfaltet und das bestickte Sockenpaar mitsamt Vorsänger beschwingt auf der Tafel tanzen. Ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht…

Gspässig, wie ein Volks- und Heimatlied aus dem entfernten Erzgebirge, wie eine «geschützte Bucht» im Pazifik – das bedeutet nämlich der Freischaren-Schlachtruf «Hono-Lulu» auf hawaiianisch – zur Lenzburger Tradition wurde. Man schmunzelt und staunt, wenn Kostüm-Chinesen, -Spagnolen und karibische Velopiraten – wie einst Bourbaki – über die Matte ziehen und das 400-jährige Brauchtum des Jugendfests fortführen? Es wird klar, dass die Fremde – auch sichtbar an der maurischen Fassade der ehemaligen «Malaga»-Kellerei oder beim Stoffdruck «à la Indienne», der durch französische Hugenotten zur wirtschaftlichen Blüte Lenzburgs führte – hier Spuren hinterlassen hat. Lebendige Traditionen sind mit Humor und Ernsthaftigkeit, ob mit oder ohne Vogel, Grundlage für die gemeinsame Gestaltung unserer Zukunft, denn Kultur wird laufend neu geschaffen, gepflegt und genossen.

Das Museum Burghalde, ehemals «Heimatmuseum», wünscht allen ein bäumiges Jugendfest 2019!

Erschienen am 4. Juli 2019 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2019 mphs

Gaukelkunst (Kolumne 3)

Was ist so komisch an Gauklern, wo wir ihnen doch täglich in den News begegnen. Aber lassen wir die Staatskomödianten beiseite… Da muss man doch gleich nachdenken, wann man das letzte Mal von wahrer Gaukelkunst so richtig verzaubert worden ist. Bestimmt bietet sich am alljährlichen Gaukler- und Kleinkunstfestival rund um die Rathausgasse wieder so manche Gelegenheit dazu.
Quacksalber und Harlekine, Clowns und Imitatoren blicken bekanntlich auf eine bedeutungsvolle und abwechslungsreiche Tradition zurück. Der moderne Clowncharakter etwa entwickelte sich aus der italienischen Commedia dell’Arte seit dem 16. Jahrhundert, die wiederum auf den «rustikalen Narrencharakteren» des antiken griechischen und römischen Theaters basiert. Die Geschichte des Zirkus wiederum wird oft missverstanden und verzerrt. Zum Beispiel ist der einzige gemeinsame Nenner zwischen römischen und modernen Zirkussen das Wort selbst, Zirkus (lat. circus: Kreis), aber nicht die Rennstrecke. Um auf Lenzburg zurückzukommen, so erinnern sich die älteren Semester bestimmt gerne an ihre Jugendzeit, wenn nämlich auf dem Kronenplatz der Zirkus Knie mit seinen Seiltänzern, Clowns und Rössli-Tänzerinnen gastierte. Dieses Jahr feiert die Zirkusfamilie übrigens ihren 100. 1919 nämlich gelang den Knie Brüdern der entscheidende Schritt von der Freiluftarena zum Zeltzirkus. Und wer wusste, dass die bereits 1803 gegründete Zirkus-Dynastie Knie zu den ältesten Zirkusunternehmen Europas gehört?


So nebenbei: Kürzlich wurden in Paris Plakatentwürfe für den Cirque Knie aus den 1930er Jahren entdeckt. Dass diese Grafiken vom Lenzburger Künstler Hans E. Walty (1868-1948) geschaffen worden sind und nun in die Heimat zurückkehren, ist doch irgendwie komisch, nicht? Zu sehen sind diese übrigens in unserem Museum Burghalde.

Mit scherzhaften Grüssen aus dem ehemaligen Heimatmuseum.

Erschienen am 8. August 2019 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2019 mphs

Ritterbrate (Kolumne 4)

Yam Yam! Saftbraten mit Gemüse, Speck, Röstzwiebeln und Senf, gefüllt und gerollt, dachte sich wohl auch der Lenzburger Drache, als sich Bertram und Guntram seiner felsigen Behausung näherten und schnappte sich den ersten Ritter. Der Guntram aber hatte ein feuriges Drachenspiesschen lieber und stach dem Ungetüm kurzerhand sein Schwert ins Gurgeli, worauf der Ritterbraten namens Bertram unverseht herausquoll. Der Drache war tot und die Brüder wurden zu Lenzburgs ersten Grafen, quasi im Jobsharing. Und alle waren happy.

Der Goldglanz aber blättert etwas, wenn man weiss, dass die Story auch andernorts die Runde machte – als leicht veränderte Wandersage. Ja, und Drachen wurden übrigens auch in Muri, in Wettingen und weit über den Aargau hinaus gesichtet… und abgemurkst, so etwa vom Ritter Struth von Winkelried in Wil bei Stans, und in Küsnacht von einer hübschen Jungfrau. Bei den Gebrüdern Grimm und in weiteren Erzählungen drehen sich Drachenmärchen um eine Jungfrau – die wurde jedoch stets zum Frass freigegeben.

Hm, warum kommt eigentlich in der Lenzburger Sage keine Stadtschönheit vor? Nun, es ist nicht überliefert. Ein Mangel an Bellezzen, um die es sich zu kämpfen lohnte, hat das Gufestädtli ja nicht zu verzeichnen, sagt man. Item. Was einst die Gegend in Angst und Schrecken versetzte, ist heute zur Streichelechse verkommen. Fauchi aus dem Drachenei begeistert Jung und Alt. Aber sind wir mal ehrlich: Etwas Märchenhaftes versprüht der Lenzburger Drachenfelsen ja auch heute noch. Wo am einen Ort ein keifender Drache gewaltsam vertrieben werden muss, da steht das Fabeltier andernorts für Güte, Glück und Intelligenz – ganz nach asiatischer Symbolik. Passt doch ganz gut zu den unzähligen Märlihochzeiten auf dem Schlosshügel.

Mit märchenhaften Grüssen aus dem Museum Burghalde - auch zum Heiraten schön.

Erschienen am 5. September 2019 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2019 mphs

Usserirdisch (Kolumne 5)

Was kommt Ihnen bei «ausserirdisch» und Lenzburg in den Sinn? Suchen Sie nicht gleich nach einem UFO beim Himmelsleiterli oder einem Ausserirdischen in der Rathausgasse.
Versteht man «ausserirdisch» nämlich als nicht-irdisch, jenseitig, zeitlos, so landet man schnell einmal in der Welt der Märchen, Sagen und Legenden. Und da hat ja Lenzburg so Einiges zu berichten: Die Aliens sind hier also vielmehr Fabelwesen, Untote und sonstwie verpeilte Typen. Einmal etwa wollten zwei halbschlaue Lenzburger im Lenzhard einen sagenhaften Schatz heben. Beim nächsten Vollmond sollten sie mucksmäuschenstill im Wald lauern und das Geistertreiben über sich ergehen lassen. Anstatt in Angst und Schrecken gerieten sie aber in eine gähnende Lethargie, der einer der zwei lautstark Ausdruck verlieh. Schwupps, war der Zauber vorbei und der Schatz von dannen. Ein andermal überkam einen jungen Lezburger ein ungeheures Grauen, nämlich als dieser allein irgendwo bei den Fünflinden von Kettenrasseln, gefolgt von einem kopflosen Zombi erschreckt wurde. Das musste Bernhard Matter, einstiger Meisterdieb und Robin Hood der Schweiz gewesen sein. 1854 hatte dieser auf dem Schafott in Lenzburg seinen (Un)Frieden gefunden. Um bei Untoten zu bleiben, wäre da noch der nächtliche Leichenzug zu erwähnen, der in manch schaurig-nebliger Vollmondnacht durchs Seetal ziehen soll.

Diese und weitere neuvertonte Mondmärli aus Lenzburg und aus aller Welt kann man nun in unserer Märlischaukel im gotischen Saal hören. Hier wurden die schaurig schönen Geschichten nämlich auch aufgenommen. Ach ja: Der riesige runde Mondteppich mit der Märlischaukel drauf ist irgendwie voll abgespaced und lädt klein und gross zum Mitlauschen ein.

Mit zeitlosen Grüssen aus dem Museum Burghalde.

Erschienen am 3. Oktober 2019 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2019 mphs

Stärne Föifi (Kolumne 6)

Man sagt, dass, wer einmal in Lenzburg gelebt hat, irgendwann wieder dahin zurückkehrt. Ach ja? Nun, ein aktuelles Beispiel zeigt, dass es einer Person, ja eigentlich einer ganzen Dynastie, so ergeht – sogar poshum. Diesmal geht es aber nicht um Spukgeschichten, vielmehr klingt die Rückkehr der Künstlerin Clara Müller (1862-1929) nach Lenzburg märchenhaft. Als kleines Mädchen zog Clara mit der Familie aus Densbüren zu und verbrachte hier ihre Kindheit. In der Textilhochburg Bergamo schliesslich liess sie sich zur Malerin ausbilden – bei den Künstlergrössen Enrico Scuri und Cesare Tallone. Der Zugang zur Kunstakademie war ihr als Frau unmöglich; dennoch porträtierte sie in Bergamo, London und München die High Society. Der grosse Ruhm blieb ihr bislang verwehrt. Aus Freude über ihre Rückkehr ist ihr die aktuelle kleine Gemäldeausstellung im Burghaldenhaus gewidmet.

«Stärne Föifi» würde da wohl ein ehemaliger Häftling der Justizvollzugsanstalt vor Freude rufen. Dieser schnitzte nämlich ein wunderschönes Weinfässleins für die Rebbauern-Vereinigung. Es ist das Prunkstück der Pop Up-Ausstellung zu ihrem 70 Jahr-Jubiläum. Wir rufen freudig «Prosit!» und laden herzlich zur Besichtigung ein.

PS: Was würden Sie, liebe Lesende, sagen, würden Sie die Verbindung der beiden Geschichten erfahren? Clara Müllers Vater, Johann Rudolf Müller, war mit der Gründung der JVA (Justizvollzugsanstalt) im Jahr 1864 erster Direktor. Er, als ehemaliger Pfarrer, revolutionierte das Strafwesen und zollte den Straffälligen Respekt und führte ein Resozialisierungs- und Ausbildungsprogramm ein. Er war es auch, der den Anstoss gab den Rebberg am Schlosshügel zu bewirtschaften. «Stärne Föifi», diese Koinzidenzen.

Mit kunstvollen Grüssen aus dem Museum Burghalde

Erschienen am 7. November 2019 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2019 mphs

Lenzzz... Chlauschlöpfe (Kolumne 7)

Sämi Niggi Näggi…. Kinderkram? Dass die Story vom Weihnachtsmann seit Generationen funktioniert, beweisen zweifelsfrei viele leuchtende Kinderaugen. Aber Mandarinli und Nüssli kann man sich im Raum Lenzburg auch anders als mit Verslein verdienen: Mit dem Überschallknall. Bis man den Trick für den perfekten Geisslezwick draussen hat, vergehen ein paar Tage… und Nächte. Denn Takt und Taktik mit dem Seil wollen geübt sein, lange genug, genau genommen laut genug, dass der Stadtchlaus aus dem Schlaf gerissen wird und es rechtzeitig zum Lenzburger Chlausmärt schafft.

Bis dahin ist aber nix mit Stille Nacht. Das dachten sich vor einigen hundert Jahren auch ein paar wilde Burschen, die durch die Gassen zogen und mutwillig Streiche verübten. Es scheint fast so, als hätten sie vorgehabt die bösen Geister mit dem Höllenlärm zu wecken, mit dem sie von unseren germanischen Ahnen vertrieben worden waren.

Chlauschlöpfe ist übrigens inzwischen auf der Unesco-Liste. Dass sich Bräuche aber auch wandeln, zeigt sich besonders gut an den grossen Festen des Jahres: So wie das heidnische Lichterfest in einer Christbaum-LED-Kette aufging, so entsprang der Osterhase der germanischen Frühlingsfeier. Einen Beleg für die Symbolfigur des weihnachtlichen Schenkens aber gibt es: Der Bischof Nikolaus von Myra lebte um das Jahr 300 und wurde zum Urbild des Seelenhirten und Nothelfers.
Da bleibt nur folgender Rat: Wenn sie einmal des Lärmes müde sind, chlöpfen Sie doch ein, zwei Tassen Glühwein oder geniessen andächtig etwas Ruhe – etwa vor dem Nikolaos-Bildnis im Lenzburger Ikonenmuseum.

Mit weihnachtlichen Grüssen aus dem Museum Burghalde

Erschienen am 5. Dezember 2019 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2019 mphs

Erbsli Blues (Kolumne 8)

Dass diese Kolumne ausgerechnet am Donnerstag erscheint, ist doch sonderbar. Warum sehen wir gleich: Wetten, den meisten kommt beim Stichwort «Erbse» Hero in den Sinn. Ganz oben nach den Dosenerbsli stehen bestimmt Erbsenzählerei, Erbsenhirn oder Lausbubenstreiche im Städtli. Denkt man darüber nach, ist auch das Chlausklöpfen der Erbse geschuldet.

Eine kleine Erbse hat auch in die Märchensammlung der Gebrüder Grimm gefunden - als Hans Christian Andersens bekanntestes Stück «Die Erbsenprobe», oder «Die Prinzessin auf der Erbse» – Übrigens ein geflügeltes Wort für eine besonders empfindliche Person, heute im Slang kurz: «Tussi». Im Märchen «Das blaue Licht» sollen ausgestreute Erbsen den Bräutigam oder Übeltäter entdecken, und in der Schweizer Sage «Des Teufels Erbensmus» treiben sie den Gehörnten nicht mit Kichern, sondern Piesacken in den Wahnsinn: «Erbslein, Erbslein gross und klein, lasst das Stechen nun mehr sein. Der Teufel will uns nicht mehr sehen; also lassen wir ihn gehen.»

Das reiche Brauchtum rund um die Erbse stammt aus vorchristlicher Zeit, und so kommt der nordische Donnergott Thor ins Spiel. Ihm zu Ehren wurden donnerstags bevorzugt Erbsengerichte gegessen. Als fruchtbarkeitsbringender Erbsenbär taucht dieser übrigens wiederum im rheinländischen Karneval auf. Gspässig.

Nun, an was Gustav Henckell 1886 beim Verlöten der ersten Konservendose wohl dachte, bleibt geheim – oder etwa an die Leibspeise von Zwergen und Heinzelmännchen? Bestimmt hatte er aber Musik im Kopf, als er den Confitüren-Walzer von Adolf Bern hörte…

Ganz versunken in die alten Geschichten gönne ich mir nun einen Tropfen Malaga und summe leise den Erbsli Blues.

Erschienen am 9. Januar 2020 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2020 mphs

Warm ums Härz (Kolumne 9)

«Tauwetter!» Der Freudenschrei war wohl weit über Lenzburg hinaus zu hören, in einer Zeit, als die Eiszapfen noch an Brauen und Bärten hingen und als Schlossdrache Fauchi noch keine Wurstspiesse briet. Damals nämlich hatte der Reussgletscher noch die halbe Schweiz im Griff und die letzte Eiszeit begann vor sich hinzuschmelzen.

Tauwetter herrscht auch heute noch, Greta macht’s deutlich. Ausgemergelte Polareisbären auf Nussschalen grossen Eisblocks? Not sexy. Da wäre einem Eisschmelze in der Gelateria doch lieber. Tja, das Wetter weiss immer weniger was es will, die Gesellschaft ebenfalls. Langlauflopie durch Frühlingswiese? Just don’t! Das ist ja wie Warmduschen mit Paraplü. Eine krasse Eiszeit wie vor 20000 Jahren wär wiedermal was. Da wuchsen die richtig grossen Mammutzähne. Was wollte man in diesen schroffen Zeiten schon mit Milchzähnen? Und wo waren da die Milchkälber?! Die haben sich doch gar nicht auf die Wiese getraut bei all den Säbelzahntigern.

Der grosse Felsbrocken im Gexi jedenfalls stammt übrigens auch aus der Gletscherzeit. Kreiselkunst nennt man das heute, oder «Stein des Anstosses», wie dort einst auf weissem Band zu lesen war. Mentale Eiszeit? Nun, wirklich cool ist inspirierender Ökoaktivismus à la Maurice Maggi. Wie das geht? Man streue während 20 Jahren heimlich Malvensamen aus und – plaff – blühen überall hübsche bunte Blumen, wo sich sonst Auspuffe jagen – Auch Blumengraffiti genannt.

Übrigens eben im www entdeckt: Guerilla Gardening© Samenbomben für eine buntere Stadt. Übertragen auf Lenzburg würde sich doch der Lenzburger Duft anbieten, eine wohlriechende Rosenzüchtung des Niederlenzers Walter Scheiber aus den 80er Jahren. Da wird einem doch glatt warm ums Herz.

Mit Blumengrüssen statt Schneeschmelze aus dem Städtli

Erschienen am 6. Februar 2020 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2020 mphs

Glenzburg (Kolumne 10)

Wenn Lenzburg wieder richtig eingeseift wird und es wunderbar duftet und schäumt, kann das nur einen Grund haben: Die Seifenproduktion hat (erneut) begonnen. Zugegeben, auch nach der «Operation Feuervogel», bei der 1983 die Fabrikgebäude gesprengt wurden, ist der Seifengeruch nie ganz aus den alten Restgemäuern gewichen.

«Saubere Sache - Eine Ausstellung über die faszinierende Welt der Seifen», lautet der Titel der bevorstehenden Sonderausstellung in der ehemaligen Seifenfabrik. In diesem Rahmen haben die Initianten nun eine echt dufte Sache angemischt: eine Lenzburger Seife! Lenzburg hat nach fast 40 Jahren wieder einen eigenen Duft, genau genommen sind es drei: Lenzburger Rose, Lenzburger Wald und Lenzburger Blau, wobei sich letzterer auf das Stadtwappen und die mit dem Jugendfest verbundene Kornblume bezieht. Die hochwertigen Seifen aus naturreinen Ölen und mineralischen Pigmenten tragen den Claim «E schöns Stück Lenzburg». Potz Blitz! Klingt doch fast so, als hätte man pures Gold in der Hand.

À propos Gold: Nach dem mystischen Gold der Römerstadt Lentia – der Legende nach auch «Lorenz» genannt – hat man bisher vergeblich gesucht. Begibt man sich auf die Suche nach geheimen unterirdischen Gemäuern, öffnet sich höchstens das Tor zu einem ausgedienten Atomschutzbunker.

Ob der Schatz irgendwo in der Lenzburger Erde steckt oder nicht, im legendären Namen jedenfalls lässt es finden, das «Gold aus Lentia» (L’OR [DE L] ENZ). Aber wer weiss, ob sich nicht irgendwo unter einer Kruste doch noch eine ehemalige Vergoldung finden lässt? Na dann, viel Spass beim Schrubben und Putzen. Seife jedenfalls ist in «Glenzburg» wieder reichlich verfügbar.

Mit duften Grüssen aus dem Museum Burghalde

Erschienen am 5. März 2020 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2020 mphs

Füürio (Kolumne 11)

«The house is on fire», die ganze Welt steht in Flammen. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich Ereignisse vom anderen Ende der Welt hysterisch bis in die eigene Stube. Damals, als diese Welt noch stecknadelkopfgross war, und die Kirche im eigenen Dorf stand, legte ein anderes Ereignis ganz Lenzburg lahm. «Füürio!» schrie es durch die mittelalterlichen Gassen, Störche kreischten herzdurchdringend, und wenig später, gegen die 9. Abendstunde am 25. März, wurde es taghell: Mit dem Feuer war Hektik ausgebrochen und ganz Lenzburg eingeäschert. Nichts war mehr so, wie zuvor. Was war geschehen?

Was Chroniken nur marginal wiedergeben, weiss die Sage um den Lenzburger Stadtbrand von 1491 umso lebhafter zu berichten: Einmal sei Jung-Bröchi-Hans, ein arger Galgenstrick und Sohn eines Lenzburger Brotschauers, aufs Kirchendach geklettert und habe den Jungstörchen den Hals umgedreht. Die alten Störche hatten sich im nahen Bölliweiher gerade Frösche für den Nachwuchs geschnappt und waren im Anflug zum erhabenen Nest. Als diese die grausame Tat bemerkten, begannen sie ohrenbetäubend zu schreien und wie wild um den Kirchturm zu kreisen, bis das Dach Feuer fing. Den Bengel stiessen die aufgebrachten Vögel mit scharfen Schnabelhieben in die infernalische Feuersbrunst, die innert Kürze die ganze Stadt in Schutt und Asche legte. 15 Häuser sind geblieben, darunter die Häuser im Höfli, der Turm, die Lateinschule und das Landsgericht.

Auch eine Sage der Aborigines berichtet vom Spuk sogenannter «Firehawks». Brandstifter-Vögel wurden übrigens in Australien kürzlich beobachtet. Ob sich die Lenzburger Störche der glühenden Kohlen aus Bröchis Brotöfen bedienten, ist hingegen nicht überliefert.

Mit feurigen Grüssen aus dem Museum Burghalde

Erschienen am 1. April 2020 im Lenzburger Bezirksanzeiger. Text / Illustration © 2020 mphs

Schlösslizauber (Kolumne 12)

Will man einen Höhenflug erleben, so bietet das Leben – je nach Lebensentwurf und -stadium – ein Bouquet an Möglichkeiten:

Die simpelste Variante? Eine Seetal-Tour planen: Wanderschuhe anschnallen und adelante, auf ins sonnige Auenland. Die zweite Variante fordert etwas mehr Schweiss und Schwielen: Eine Seifenkiste bauen. Bei der anschliessenden Soap Box Rallye erleben nicht nur die kleinen Piloten einen wahren Höhenflug –etwa so wie in Walti Feistles Slapstick-Filmli „Boliden“ in der Sonderausstellung „Saubere Sache“. Zum coolen Überflug ansetzen lässt sich hingegen mit einer pickelharten Nordpol-Expedition, wie das der Amerikaner Lincoln Ellsworth (1880-1951) mit dem Norweger Roald Amundsen im Jahr 1925 getan hat. Fotobeweise für diesen eisigen Sonntagsspaziergang liegen übrigens im Sammlungsfundus des Museum Burghalde. Lincolns Vater James muss mit seinem aus der weltgrössten Kohlemine angehäuften Zaster ziemlich hoch geflogen sein. Wie sonst hätte er sich Kaiser Barbarossas Nussbaumtisch von Schloss Lenzburg für heutige 6 Millionen Franken unter den Nagel reissen können? (Okey, okey, das Schloss gab’s kostenlos dazu).


Den gefährlichsten, aber bestenfalls absolut schönsten Höhenflug mit Schmetterlingen gibt’s beim Heiraten – einmal ganz abgesehen vom krassen Stresspotenzial (bei den Hochzeitsvorbereitungen, beim Diamantehering, im Gebärsaal, beim Windelnwechseln… und beim Scheidungsanwalt). Doch eine Partnerschaft auf Augenhöhe ist ein Fest fürs Leben. Und warum nicht auch auf diese Adrenalinbombe die Korken knallen und die Herzliballone gen Himmel steigen lassen?! Da lässt sich der Schlösslizauber so richtig geniessen – und der Ausblick aufs bezaubernde Städtli.

Heldenhaft (Kolumne 13)

Wie sehr wünschte man sich manchmal – gerade in dieser Zeit – ein Wundermittel, das alle Gebrechen und Seuchen und damit die Berge von Einwegmasken und Seen von Desinfektionsmittel unschädlich macht. Seit Jahrhunderten drehen sich ganze Epen um Zauberbecher und -tränke, die Flügel verleihen. Aber... (Geduld, Geduld.... in Bälde gehts weiter)

... was eigentlich auf ein Jahr angedacht war, geht in die Bonusrunde. Die Kolumne erscheint im Lenzburger Bezirksanzeiger jeweils am ersten Donnerstag des Monats. Nummer 13 wird folglich am 4.6. gedruckt.