Spannende Geschichten und originelle Fundstücke aus Lenzburgs Schatzkammer, sprich: Archiven, Estrichen, Sammlungen, Kellern und Wäldern, vorgestellt von Mitarbeitenden des Museum Burghalde.
Die Kolumne im Lenzburger Bezirks Anzeiger erscheint seit Januar 2023, in der Regel monatlich.
So klingt der Lenzburger Wald (Kolumne 5/2026)
Bald schon finden wieder vier Ausgaben der Stammtisch-Reihe im Lenzburger Wald statt. Die Forstdienste Lenzia und das Museum Burghalde haben sich auch dieses Jahr eine vielfältige Themenwahl für die Kulturhäppchen ausgedacht. Willi Bürgi und Matthias Ott gehen den historischen Verkehrswegen im Lenzburger Wald nach und stossen auf mittelalterliche, ja gar römische Achsen. Welche Spuren sind eigentlich noch vorhanden?, wollten sie wissen. Dann referiert Daria Moser über die ältesten Lenzburgerinnen. Die Lebensgeschichte dieser Steinzeitfrauen aus dem bedeutenden Goffersberger Gräberfeld entnimmt sie den Grabbeigaben und Knochen. Ein Requiem auf die Fichte lässt Thomas Waltenspühl verlauten: Über Generationen war uns die Fichte, im Volksmund auch Rottanne, der Brotbaum schlechthin. Ohne Fichte keine Forstwirtschaft. Doch nun wird es ihr schlicht zu heiss …
Um beim Requiem zu bleiben, geht Marc Philip Seidel auf das musikalische Lenzburg ein und nimmt damit Bezug auf die aktuelle Sonderausstellung. Beim nächsten Stammtisch im Mai nimmt er die Gäste mit auf einen Pfad, den die Tochter des einstigen Lenzburger Oberförsters Walo von Greyerz, Minna (1861–1951), vor 150 Jahren von den ersten Opernaufführungen ans Dresdner Konservatorium führte. Interessant dabei ist, dass sie nicht die einzige Lenzburgerin war, die beachtliche Erfolge in den Konzerthäusern Europas erzielte. Neben Minna von Greyerz schlugen auch Erika Wedekind, Fanny Hünerwadel, Clara Wirz-Wyss, Anna Walter-Strauss und weitere eine Musikerinnenkarriere ein. Nicht verwunderlich also, dass sich Lenzburg im 19. Jahrhundert als Musikstadt einen Namen machte. Und was Minna anging, so meinte der einstige Lenzburger Künstler Peter Mieg anlässlich ihres 90. Geburtstags: «Ein Konzert in Lenzburg ohne Minna von Greyerz war kein Konzert.»
Bildlegende: Die Waldhütte Römerstein ist Treffpunkt der Stammtisch-Reihe und kann bei der Stadt auch gemietet werden.
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Text: Marc Philip Seidel, 7.5.2026, Lenzburger Bezirks Anzeiger. > Link
Zeitzapping (Kolumne 4/2026)
«Wenn die Uhr die Gassen küsst», «Chronik mit Herz», «Im Blumenbeet der Zeit», «Vom Lenzburger Wandel», «Zwischen Backstein, Bräuchen und Bahnlinien», «Lenzburg erzählt sich selbst», «Was Lenzburg uns heute noch heimlich erzählt», «Zeitgeister einer Kleinstadt», «Durch die Zeiten gezappt» … Viele alternative Buchtitel gäbe es und umschreiben die vielen Aspekte der Textesammlung unseres Alt-Stadtschreibers. Und wieder enthüllt, verknüpft und spaziert Christoph Moser durch Lenzburgs Gassen, Ereignisse und Zeiten. Erneut sind es zwanzig Spaziergänge, auf die er uns in seinen «Zeitreisen durch Lenzburg» mitnimmt. Wie im ersten Band sind auch diese Kapitel reichhaltig wie Lenzburgs Geschichte(n) selbst, angereichert mit den verschiedensten Charakteren, Namen, Bräuchen, Orten:
Da lädt Tanzmeister Geni Gallauer ins Säli des «Central», Oberförster Walo von Greyerz in seinen Wald und Baumeister Walo Bertschinger auf seine Dampfwalze «Mathilda». Auf Schritt und Tritt durch die Zeit zieht die Schnapsgläschenparade vorbei an längst vergessenen Lokalen: Der «Käsbissen», das «Feldschlösschen, das «Warteck», das «Central» oder das «No Name». Als einzige Konstante wird der stetige Wandel augenscheinlich und vollzieht sich vom Pferdestall zum Fünfstern-Laden, vom «Löwen» zum Kino, vom Tennisplatz zum Mülimärt, von der Hero-Confidose zur Ricola-Bonbonbüchse und von der Nagelfabrik zum Mehrfamilienhaus mit Glockentürmli. Zeitzapping ist nicht nur mit der Neuerscheinung möglich, sondern auch beim nächsten Kulturdonnerstag am 16. April um 18.15 Uhr beim Museum Burghalde. Stadtarchivar Christoph Moser stellt übrigens sein Buch «Zeitreisen durch Lenzburg» am Nachmittag des 19. April im Museum vor – direkt im Anschluss an eine geführte Zeitreise rund um die Odyssee des Klausbrunnens.
«Zeitreisen durch Lenzburg» ist eine Liebeserklärung an Mosers Heimatstadt und all jenen empfohlen, die Lust haben, beim nächsten Spaziergang den Herzschlag der Stadt neu zu fühlen.
Bildlegende: Als Hero noch in aller Munde war. Historische Aufnahme um 1915 aus dem Hero-Archiv der Stiftung Museum Burghalde.
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg spannende Geschichten und originelle Fundstücke aus Lenzburgs Schatzkammer vor.
Text: Marc Philip Seidel, 2.4.2026, Lenzburger BezirksAnzeiger >Link
Tierisch nützlich (Kolumne 3/2026)
Die Geschichte von Mensch und Tier ist so alt wie die Menschheit selbst. Vom behaarten, noch kognitiv begrenzten Primaten entwickelten wir uns zum aufrecht gehenden, fast haarlosen Planer und Kommunikator – angetrieben von der Ausdauerjagd. Wir liefen stundenlang, kühlten uns durch Schwitzen, lasen Spuren, stellten Jagdwaffen her, jagten im Team und teilten Wissen über Tierbestände und Wanderungen. So überwanden wir Tiere, die uns im Sprint oder im waffenlosen Kampf überlegen sind.
Bald entdeckten wir: Einfangen ist einfacher als stundenlanges Treiben. Wir wählten die zutraulichsten Tiere aus – und mit ihrer Zahmheit kamen oft kleinere Körper, Flecken oder Schlappohren. Domestikation hinterlässt Spuren, nicht nur äusserlich, sondern auch gesundheitlich: Viele Krankheiten, darunter Tuberkulose und die gewöhnliche Grippe, stammen ursprünglich von Nutztieren.
Auch in Lenzburg spiegelt sich diese Verbindung zwischen Mensch und Tier wider. Die ältesten Lenzburger, gefunden in den jungsteinzeitlichen Steinkistengräbern am Goffersberg, wurden mit Pfeilspitzen und Anhängern aus Tierzähnen bestattet – ein Hinweis auf die zentrale Rolle von Wild- und Nutztieren. Im römischen Gräberfeld im Lindwald belegen Figurinen von Hunden, Hühnern und anderen Tieren die Bedeutung der Tiere im Alltag.
Vom Mittelalter bis in die Neuzeit blieb die Jagd ein prägendes Element. Besonders die Hochjagd auf Hirsche und anderes Grosswild war streng reglementiert und der Oberschicht vorbehalten. Zeugnis dieses Elitarismus sind vergoldete Jagdschalen aus dem 17. Jahrhundert: Eine wohlhabende Lenzburger Familie liess sie bei Jean Poulet, einem geflüchteten hugenottischen Goldschmied, fertigen. Vor der Fuchsjagd wurde daraus getrunken – als Ritual für das Jagdglück.
Viele dieser Zeugnisse sind heute im Museum Burghalde zu sehen. Am 19. März um 18.15 Uhr lädt die Veranstaltungsreihe «Kulturdonnerstag» zu einer Führung zum Thema «Tierisch nützlich» ein. Besucherinnen und Besucher tauchen ein in die vielschichtige Geschichte von Mensch und Tier in der Region Lenzburg – von den Anfängen der Jagd bis zu den zahmen Begleitern von heute.
Bildlegende: Eine der beiden Jagdschalen aus der musealen Sammlung.
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Damals, vor hundert Jahren, als die Lenzburger Luft im Sommer wochenlang nach Erdbeer-Confi duftete und die satten Felder rund ums Städtchen jeweils zur Erntezeit zum Treffpunkt wurden, wo sich die Jugend einen Batzen dazuverdiente und sich unter die italienischen Gastarbeitenden mischte, um mit ihren fleissigen Händen Körbchen um Körbchen mit den süssen Früchten zu füllen, ja einst, als sich am Ufer des Aabachs Hügelzüge von Kriesisteinen formten und die Traktoren riesige Fuder an Stauden zur Dreschstation führten, wo schliesslich die Erbsen gewonnen wurden, und dazumal, als in den Fabrikhallen im Lenz Bleche gestanzt und zu Büchsen geformt und gelötet wurden, um die silber glänzenden Dosen zu Abertausenden mit den gekochten Beeren, Erbsen, Kirschen und Ravioli zu füllen, zu konservieren und zu etikettieren und sie schliesslich in beschrifteten Holzkisten und später Kartonboxen aus Lenzburger Produktion palettenweise auf die Saurer-Lastwagen zu laden und in der ganzen Schweiz in Spezereiläden zu verteilen, dahin, wo die Kundschaft die zu jener Zeit hoch geschätzte kostbare Konserve erwarb und schliesslich im trauten Heim am Wochenende als köstliche Beilage des Sonntagsessens genoss, ja damals war Lenzburg Hero und Hero war Lenzburg.
Stellt man sich nun vor, dieser eine lange Satz entspräche einem einzigen Filmstreifen aus dem Hero-Archiv der Stiftung Museum Burghalde, dann würde diese riesige Filmrolle 16 Kilometer Länge betragen! Es mag überraschen, dass sich aus den 100 Jahren der Hero-Filmproduktion unzählige Spulen und Videokassetten erhalten haben. Welcher Schatz sich darauf befindet, wird nun erstmals dem interessierten Publikum an vier Abenden Ende März in der Brasserie Barracuda – also am Standort der einstigen Konservenfabrik – enthüllt – frisch restauriert, geschnitten und live vertont mit dem Lenzburger Jugendspiel sowie serviert mit kulinarischen Köstlichkeiten. Dabei ist klar: Der «Confitüren-Walzer», das Kultvideo zum Fruchtgetränk «SIP!», «Es Hero-Gonfibrot» sowie weitere Filmleckerbissen aus dem alten Lenzburg werden restlos begeistern! Ein köstliches, abendfüllendes Unterhaltungsprogramm unter dem Motto «Vo Confi, Erbsli und Ravioli» wird nach siebenjähriger Restaurierungs- und Vorbereitungszeit dann zur Augenweide, Gaumenfreude und zum Ohrenschmaus! Letzte Tickets unter www.100jahreherofilm.ch.
Bildlegende: Ein köstlicher Schmaus mit Livemusik diesen März.
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Text: Marc Philip Seidel, 5.2.2026, Lenzburger Bezirks Anzeiger > Link
Wolken – Gillian White (Kolumne 1/2026)
Wer erinnert sich noch an die Freilichtausstellung vor 20 Jahren, als auf dem Gofi das «Karussell» thronte? Jenes Kunstwerk fand im Rahmen der Neubenennung des Gertrud-Villiger-Platzes 2007 den Weg ins Städtli. Im Ikonenmuseum zeigt sich mit der Ausstellung «Wolken» (bis 1.11.2026) und den teils erstmals öffentlich ausgestellten Arbeiten eine andere Seite der Künstlerin. Interessant ist insofern, als dass sich zu Whites mächtigen Stahlbauten hier filigranere Plastiken, malerische Zeichnungen und poetische Konstruktionen gesellen. Die erstaunliche tänzerische Leichtigkeit durchflutet sie beide – ihre grossen wie die kleinen Werke.
Die Wolke wiederum, als mehrschichtiges Motiv und fluides Element, durchdringt im Denken und Schaffen der Künstlerin die Strukturen, Rahmen und die rationale Ebene. Im sakralen Kontext der Heiligenbilder kommt der Wolke ein symbolischer Gehalt zu – als Sitz des himmlischen Herrschers in Verbindung mit der Taube des heiligen Geistes sowie mit dem Dreieck und dem Auge für die allmächtige Dreifaltigkeit. Wie in Barockkirchen ist bei Ikonen der Himmel als Erscheinungsort Gottes und der himmlischen Heerscharen dargestellt – allein schon deswegen, weil er unendlich gross, nicht messbar, ja in seiner ganzen Dimension nicht begreifbar ist. Und genau hier, in der Transzendenz, berührt Gillian Whites Werk diese geistige Ebene. Auch ihre Schöpfungen drapieren Himmel und Erde, ja spielen mit ihrer Gegensätzlichkeit. Die Dualität ihres Kosmos besteht aus der neblig-durchfliessenden Wolke und dem geometrisch-rationalen Firmament. Der Regenbogen als meteorologisches Phänomen erscheint im biblischen Sinn als göttliches Versöhnungszeichen nach der Sintflut im Zusammenhang mit der Friedenstaube. Bei Gillian White ist das schillernde Farbenspiel Ausdruck ihrer unendlichen Neugier und Faszination für das Schöpferische als Quelle der Inspiration.
Das Wolkenbild im Schulhaus in Obersiggenthal (1974), der Regenbogen-Wolken-Brunnen in Zofingen (1979), das Regenbogenbild im Kantonsspital Ilanz (1985) oder die Wandbilder im Regionalspital Rheinfelden (1985) und in der Klinik Freihof Baden (1989) zeugen von Whites ausdauernder und leidenschaftlicher Suche nach der vollendeten Form.
Bildlegende: «La Fontaine d’arc-en-ciel». Konstruktionsstudie zum Regenbogenbrunnen von Gillian White im Ikonenmuseum.
Hinweis: Am 31.1.2026 ist Gillian Louise White im hohen Alter von 86 Jahren friedlich eingeschlafen. Die beiden Ausstellungen im Ikonenmuseum in Lenzburg und im Kunst Museum Eduard Spörri in Wettingen bleiben bis November 2026 geöffnet.
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Text: Marc Philip Seidel, 8.1.2026, Lenzburger Bezirks Anzeiger >Link
Mesdames et Messieurs (Kolumne 12/2025)
Was für eine Überschrift für die letzte Schatzkammer-Kolumne des Jahres, n’est-ce pas? Dahinter steckt jedoch ein Spruch, der zum Ritual wurde. Ein charmanter und gleichzeitig unmissverständlicher Ruf des Generals am Ende jeder kleinen und grossen Festlichkeit der gefühlt letzten 40 Jahre. Aber von Anfang an – mit einem zwinkernden und einem weinenden Auge.
Von Kämmbarkeit und Schlaufähigkeit
Den meisten von uns mag es nicht auffallen, doch unser Alltag ist angereichert mit Technischem. Das verrät etwa unsere Sprache und ist fest verankert – auf der Politbühne wie im Polsteratelier, der Stiftungsratssitzung wie bei der Ausstellungseröffnung und bei wohltätigen Engagements. Immer gehts ums Bemustern, Einfädeln, Aufgleisen, Durchkämmen, Vernetzen, ums «Brättla» und ums Nägeleinschlagen. Ob im Management, im Handwerk oder bei Prozessen in der Bildung wie in der Kultur: Der Fokus auf die «Entwirrungsenergie» ist definitiv zielführender als beste «Knäuelstabilität». Das gilt insbesondere für den alten Filz. Bei der praktischen Umsetzung mit Geschäftspartnern oder politischen Beziehungen ist indes «Beständigkeit» akkurater denn «Kriechbarkeit» – in der Exekutive wie in der Judikative.
Schlussendlich ist das grösste Gut das «Beziehungsnetz»: Für zukunftsträchtige Kooperationen setze man lieber auf «Strukturkompatibilität» und grosse «Schnittflächen» denn auf «Oberflächenrauheit» und «Kavitation». Einer mit hoher «Formstabilität» und «Verwebungsdichte», der sich mit Eröffnungen, Intarsien und Tapeten gleichsam auskennt wie mit Umnutzungen, Vorstössen und Freischaren; ja jener, der als General «Ursus del Polstero», garniert mit Verdienstmedaille als Vorschusslorbeeren, die für die nächsten neun Leben abverdient sind; und ebendieser, dem Personenkult stets fern lag zugunsten der übergeordneten Sache, tritt nun, nach 45 Jahren in der Stiftung Museum Burghalde, davon 42 als deren Präsident, altershalber zurück. So sei diese Kolumne Dir, lieber Urs F. Meier, gewidmet und Dir für Deinen lebenslangen Einsatz für Stadt und Region Lenzburg höchster Respekt gezollt. Danke.
Bildlegende: Die Burghalde in schönsten Herbstfarben
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Text: Marc Philip Seidel, 18.12.2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger >Link
Ewige Ruhe – Pläne für die Toten (Kolumne 11/2025)
Die Nebeltage um Allerheiligen, Totensonntag, Halloween und Fastnacht machen einem bewusst: Gestorben wird auch heute noch. Des Todes Bitterkeit versüsst und der Ahnen gedacht wird etwa in Lateinamerika mit Blumen, Tanz und Zuckertotenköpfen. Was das Gedenken der Toten in Lenzburg angeht, so wartet die eine oder andere Überraschung auf.
Als vor einigen Wochen 160-jährige Friedhofspläne gewichtiger Bauingenieure in einem Gewölbekeller auftauchten, war das eine nicht alltägliche Entdeckung. Dieses Puzzleteil fügt nämlich verschiedene historische Gegebenheiten zusammen. Die Pläne von 1864 offenbaren etwa die Standortfrage: Neben dem heutigen Rosengarten an der Wylgasse wurden auch die Hendschikerstrasse und die Lage «im Bollberge des Herrn Jakob Salm» in Betracht gezogen. Die Mappe legt wunderbare Aquarellzeichnungen von Stadtbaumeister Hieronymus Hünerwadel (1803–1885) offen und zeigt Wettbewerbseingaben des Badeners Robert Moser (1833–1901). Interessant, weil diese Pläne just in der Zeit entstanden, als jener die benachbarte Strafvollzugsanstalt, die heutige JVA, realisierte. Weiter enthüllt der Fund Eingaben zur Abdankungshalle, an denen sich auch der damals junge Baumeister Theodor Bertschinger (1845–1911) beteiligte. Dass dieses Gebäu und damit die meisterhaften Fresken des Lenzburger Künstlers Werner Büchly (1871–1942) inzwischen nicht mehr sind, zeigt den Lauf der Zeit. Auch der Wandel des heiligen Hains selbst lässt sich nicht aufhalten. Bereits 1896 und 1908 zweimal erweitert, wird er auf Basis eines Masterplans seit 1999 stetig den aktuellen Bedürfnissen angepasst.
Dass die letzte Ruhestätte über die Jahrtausende jede Generation neu beschäftigte, geben archäologische Funde preis. Eine kleine Kulturgeschichte der Lenzburger Totenäcker liest sich übrigens in den bald erscheinenden Neujahrsblättern. Da wird etwa verraten, was es mit der prächtigen Eiche beim Spielplatz am Graben auf sich hat oder warum der 1620 verstorbene Siegrist in seiner 43-jährigen Amtszeit den Friedhof ganze dreimal umgraben musste.
Bildlegende: Versüssung des Bitteren am «Dia de los Muertos», hier in Barcelona im November 2025. mphs
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Text: Marc Philip Seidel, 13.11.2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger >Link
Hätte könnte wäre (Kolumne 10/2025)
Heute schnell buchen, morgen weg. Mal kurz nach London. Moment… Paris ist Sonderangebot, ist gekauft. Schnäppli. Tapetenwechsel, heute im Rundum-Sorglos-Paket mit einem Klick verfügbar. Hätte, könnte, wäre sind heute sowas von relativ. Haben dadurch nicht auf Gedankenschwere, Tragik und gleichsam überflügelnde Euphorie an Intensität verloren? Heute, in einer Zeit der ständigen und unmittelbaren Verfügbarkeit? Eigentlich verrückt, was allein schon seit dem Milleniumswechsel in Sachen Mobilität möglich wurde – als Chance wie als Last für unsere Gesellschaft wie für das Ökosystem. Item. Welche Konsequenzen beschränkte Möglichkeiten oder verpasste Gelegenheiten vor 100 und 200 Jahren zur Folge hatten, wird etwa bei der Quellenforschung vor Augen geführt. Der sprichwörtlich abgefahrene Zug war dann wirklich weg und die Lebensgeschichte ging nicht selten auf dem Nebengleis weiter oder Endete auf dem Abstellgleis der Gesellschaft. Damals waren eben «hätte, könnte, wäre» noch mit einer Tragweite bestückt, die gar Lebensentscheide forderte.
Die nun erscheinende Chronik mit 30 Lebensgeschichten von Lenzburger Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen ist gezeichnet von Schicksalsschlägen. Sätze wie «Ich wachte auf und war berühmt», was für für die europaweit gefeierte Sängerin Erika Wedekind (1868–1944) zutraf, stehen neben Zeilen des schmerzvollen Sehnens nach der ablaufenden Lebenszeit und den unerfüllten Heiratswunsch einer Marguerite Elisabeth Remund (1882–1945) von der Mittleren Mühle in Lenzburg. «Ha gmeint, es müess es Ringli sy, Wo drin dy Name stöj…. Jetz stricht e spote Herbst durs Land…». Welches Herzeleid die jung verwitwete und so mittellos gewordene Zéline Hünerwadel-Stéphani (1822–1895) erlitt, lassen ihre Memoiren aus Paris von 1887 erahnen. Dass sie aber die Segel neu setzte und dem Schicksal trotzte, wie dies mutige Pionierinnen zu tun pfleg(t)en, offenbart die neue Sonderausstellung im Museum Burghalde.
Bild: Zéline Hünerwadel-Stéphani: «Diese Dame soll in der Lenzburger Gesellschaft den Ton angegeben haben.» Bildquelle: hfls.ch
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Text: Marc Philip Seidel, 16.10.2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger >Link
«Hono-Lulu» in Maracaibo (Kolumne 9/2025)
Jahrzehnte, bevor der Schlachtruf «Hono-Lulu» erfunden wurde und sich in die DNA der Jugendfestgemeinde einnisten konnte, wurde die Lenzburger Tradition in die Hafenstadt Maracaibo exportiert. Wie das?
Folgender verblüffender Zufallsfund aus der musealen Sammlungs- und Forschungstätigkeit vermochte zuweilen dem allzu beschäftigten Museumsdirektor ein Schmunzeln hervorzuzaubern. Hier sei auf eine Passage aus einem Brief der bedeutenden Lenzburger Philosophin Olga Plümacher an Frank Wedekind vom 23.12.1883 verwiesen. Zuvor muss man den folgenden Zeilen vorausschicken, dass ihr Ehemann, der deutsche Schiffskapitän Eugen Plümacher, als amerikanischer Consul General in Maracaibo bestrebt war, das Kadettenwesen einzurichten. Also berief er sich auf Quellen, die Olga aus Lenzburg und Aarau besorgte. Das ging so:
Der junge Frank Wedekind, auf Schloss Lenzburg aufgewachsen, war einst Lenzburger Kadettenleutnant. So sollte er Olga die nötigen Drucksachen «durch einen Buchhändler beschaffen, «oder sei es durch die Gefälligkeit eines der ‹Häuptlinge› der das Cadettenwesen obsorgenden Schulbehörde». Olga scheint die Tatsachen gekannt zu haben und fährt im Brief fort: «Du bist ja ein geplagter Waffenträger gewesen und kennst daher gewiss die Haupthähne auf diesem Gebiete, und wenn du ihnen den süssen Brei um den Bart streichst: es sei die Vorzüglichkeit des Lenzburger resp. Aarauer Cadettenwesens sogar in Venezuela wohl bekannt, so werden sie dir gewiss zum Nöthigen verhelfen.»
Das obige amüsante Zwischenspiel veranschaulicht einmal mehr, wie sehr die Lenzburgerinnen seit jeher Schlüsselrollen innehatten und die internationalen Fäden in einer damals vermeintlich noch vornehmlich von Männern dominierten Welt zogen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen bald schon einen inspirierenden Ausstellungsbesuch und viel Lesevergnügen, wenn sich Ende Oktober die Türen und Buchdeckel öffnen zu «Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen».
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Text: Marc Philip Seidel, 25.9.2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger > Link
Mit Pfiff (Kolumne 8/2025)
Was war das für ein Mitfiebern um Kicks, Chancen und Tore, ja um unsere neuen jungen Nationalheldinnen selbst. Auch wenn das Final unerreichbar blieb und um den finalen Penalty andere Nationen fochten: Ein Highlight im Sportkalender war er, dieser merklich prominentere Auftritt, live, auf dem Screen und im Medienmix. Gefreut frisch, unverbraucht, irgendwie anders: näher, echter, subjektiv erlebbar. Obwohl: der Ball war dieselbe Kugel, das Spielfeld dasselbe Rechteckt, das Tor derselbe Netzrahmen.
Vielleicht gerade deshalb war der Respekt umso grösser, weil sich die Walküren so tapfer schlugen, durchkämpften, durchs gegnerische Feld kickten; nämlich nach Bedingungen, die nicht nach ihren biologischen Voraussetzungen bemessen sind. Vergleiche zwischen Frauen- und Männerfussball seien ebenso unangebracht wie unfair, hörte man die einen. Einige Exponentinnen reden gar von zwei verschiedenen Sportarten, anders als im Riesenslalom, in der Leichtathletik oder im Tennis. Das Gegenteil proklamieren wieder andere: der Fussball schaffe die angestrebte Gleichberechtigung.
Wie dem auch sei. Ein leidiges und gleichzeitig notwendiges, aber auch spannendes Thema, wenn es um herausragende Leistungen und Errungenschaften trotz erschwerter Bedingungen geht: In Lenzburgs Kulturgeschichte spielen Frauen seit Generationen eine beachtliche Rolle: Das aktuelle Forschungsprojekt über 200 Jahre Lenzburger Frauenpower trägt bemerkenswerte Biographien, Werke und Zeugnisse zusammen. Ja die historischen Belege lassen gleichsam mitfiebern. Umso erstaunlicher, als dass trotz gesellschaftlicher Hürden und Normen klingende Namen aber auch leise Biographien für Kunst, Philosophie und das Gemeinwohl auftauchten. Obwohl heute teils vergessen, wurde ihr Name teils bis weit über die Nation hinausgetragen. Ein Zusammenzug der Erkenntnisse öffnet ab Herbst im Museum das Fenster zu Lenzburger Pionierinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen – sprich Frauen mit Pfiff.
Bildlegende: Auf dem Rollrasen der Kulturgeschichte
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Text: Marc Philip Seidel, 21.8.2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger > Link
Mit Stein und Gloria (Kolumne 7/2025)
Ohne Spatenstich und Aufrichtfest wird aus einem Neubau keine runde Sache. Denn im Grunde dreht sich beim Hausbau doch alles um ein Ritual. Doch jedem Kulturraum seine Bräuche. Das Spektrum reicht da vom währschaften Grundsteinsetzen bis zur Umtanzung mit spiritueller Räucherung. Gängig ist aber vielerorts das Vergraben einer Zeitkapsel, sollte dieser Gruss in die Zukunft doch später einmal Finderherzen höher schlagen lassen. Klar ist auch mal eine Goldmünze oder ein anderes Schmuckstück dabei. Dass die Amerikaner auch in diesem Falle gerne kein Mass kennen, zeigt folgende Anekdote:
Zum 50-Jahr-Jubiläum des US-Bundesstaats Oklahoma wurde um 1957 eine nigelnagelneue «Miss Belvedere» aus der Plymouth-Autoreihe vergraben. Die Begeisterung war entsprechend gross, als die Enthüllung der überdimensionalen Zeitkapsel aus dem letzten Jahrtausend angekündigt wurde. Dumm nur, dass das Traumauto vom Sportcoupé zum Rosthaufen verkommen war.
Auch Lenzburgs Zeitkapsel dreht sich letztlich um Autos: Der Stein mit der blauen Kugel und Jahreszahlen wurde vor Kurzem beim Museum platziert und beblumt. Als Balkenstein der einstigen «Unteren Mühle» zeugt er von einer langen Geschichte: Erstmals um 1250 im Kyburger Urbar erwähnt, wurde jenes Areal von den Lenzburger Schlossherren, Vögten und der Stadt für die Herstellung von Getreide und Naturprodukten verwendet. Der Gewerbekomplex diente als Waschhaus, Sägerei, Schleife, Stampfi und Öltrotte. Ein heute amüsanter Lokalbezug dreht sich übrigens um mehrjährige Reibereien und schliesslich Handgreiflichkeiten am Jugendfest von 1648 mit den Niederlenzern wegen unrechtmässigen Wasserentzugs.
Seither ist jedoch viel Wasser den Aabach runter und nach mehreren Besitzerwechseln übernahm 1897 die Firma Neeser & Rohr die Gebäulichkeiten für ihre mechanische Kinderwagenfabrik (später Wisa-Gloria-Werke AG; 1992 eingestellt). Ohne Rost und schön drapiert sind ihre schönsten Autöli und Spielsachen in der Schatzkammer Burghalde zu bestaunen. (... und weitere Details zu den Jahreszahlen bald an der Infotafel nachzulesen.)
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Text: Marc Philip Seidel, 3. Juli 2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger > Link
Pans Liebeshymne (Kolumne 5/2025)
Ab Mai laden wieder die öffentlichen «Stammtische» mit Kurzvorträgen zu Lenzburgs Wäldern – nun fix – in die Römersteinhütte ein. Wer schon einmal hier war, erinnert sich vielleicht an ein figürliches Relief am Kamin und dachte sich nichts weiter. Doch bei genauerem Hinsehen öffnet sich ein magisches Fenster zu einer Zeitreise, ja zu einer Liebesgeschichte: Der Jüngling, es ist der Hirtengott Pan (lateinisch: Faun), verliebte sich unsterblich in die schöne Nymphe Syrinx. Jene wurde aber durch einen Zauber in ein Schilfrohr verwandelt. Aus Liebeskummer schnitt sich Pan daraus eine Flöte, mit der er später gar gegen Apollo, den Gott der Künste höchst persönlich, antrat. So kam das Instrument selbst zum Namen «Syrinx» – auf dass sich die Verliebten bis in alle Ewigkeit mit den Lippen berührten. (*)
Was wohl dieses Motiv in jener Waldhütte macht? Wir wissen nur, dass der Architekt Oskar Kunz den ideellen Wert des Kunstwerks erkannte und es beim Um- und Ausbau der Hütte im Jahr 1981 für erhaltenswürdig hielt. Damit zollte er letztlich Peter Hächlers Hüttenidee von 1946/47 Respekt und nahm gleichsam Bezug auf den Ort zwischen Mythologie und Wirklichkeit. Interessant an diesem gedanklichen Anker ist das geschichtsträchtige Umfeld der Waldhütte direkt neben dem grossen Römerstein. Archäologisch hat der Findling zwar rein gar nichts mit der versunkenen Stadt zu tun. Doch seine immense Grösse mag symbolisch für die sagenhafte Römerstadt stehen. Mit über 4000 Plätzen war denn auch das Theater bei der Autobahneinfahrt schon damals ein Inbegriff der Imposanz. Doch kein kultischer Ort ohne fette Tempelanlage. Nach Jahrhunderten des Werweisens liessen sich die Mauerzüge mit modernen Messmethoden im Lindfeld kartografieren. Eine Sensation. Aber ist es nicht seltsam, dass der namenlose Ort in keinem historischen Text und auf keiner antiken Karte auftaucht? Ob die jüngsten non-invasiven Messungen der Kantonsarchäologie Aargau im angrenzenden Wald weitere Geheimnisse rund um Pans Reich lüften können?
Spannendes dazu und zu Lenzburgs Wäldern an den Stammtischen: 22.5., 26.6., 28.8. und 25.9., jeweils 18.15 Uhr. Kostenlos. Infos www.museumburghalde.ch (* Je nach Überlieferung wird Pans Liebe lustvoller und wilder, entsprechend die Einseitigkeit der Begierde deutlicher dargestellt. Unser Reflief entbehrt jedoch gestalterisch dieser bukolischen Triebhaftigkeit, weshalb eine saloppe Formulierung à la romantique treffender scheint. Anm d Autors)
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Text: Marc Philip Seidel, 22.5.2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger >Link
Kalta Kaffi (Kolumne 4/2025)
Die Zukunft schlummert ja längst in der Vergangenheit. Das wurde am 21. Oktober 2024 bewiesen, als sich Futurum und Präteritum in einem magischen Moment des Jetzt elektrisierten. Da fiel der 20er auch bei den eingefleischten Science Fiction-Jüngern: «Zurück in die Zukunft» ist Science Fiction. Irgendwann in den letzten 40 Jahren seit Folge 1 des gleichnamigen Kino-Blockbusters muss wohl der reale Zeitstrahl links abgebogen sein: Fliegende Autos sind heute noch Hirngespinst von Typen, die irgendwie aus der Zeit gefallen sind. (Die einzige je gesichtete Karre am Sternenhimmel wurde vor drei Monaten von einem Hobby-Astronomen entdeckt. Astronomen hielten das unbekannte Flugobjekt erst für einen neuen Asteroiden. In Wahrheit kreist der Tesla Roadster seit 2018 im Orbit. Stöhn.)
Der Filmtrilogie wird leider keinen 4. Blitzschlag für das Warp-Feeling zünden. Mal kurz beamen geht aber auch ohne McFly und Doc Brown: Das Forum des Museum Burghalde wurde zur Transporterkonsole umfunktioniert. Da morpht zwar nicht die eigene Unbedeutsamkeit zum Molekülehaufen, dafür aber die schwarzen Pixel des QR-Codes in fotografische Memoiren aus Lenzburg. Im Städtli selbst funktioniert die Teleportation auf den roten runden Bodenkonsolen hervorragend: Der Blick zurück funktioniert profan mittels eigenem Smartphone. Quasi als Logbuch von Captain Kirk für 20 weitere «Enterpreisen» sei die Neuerscheinung «Zeitreisen durch Lenzburg» von Stadtarchivar Christoph Moser empfohlen. Ganz ohne Ionenstürme, Musterverstärker und magnetische Interferenzen geht Beamen über 196 Seiten. Man solle bloss acht geben, dass man nicht zu tief in die Morgenlektüre eintauche, meinte ein Besucher und Leser aus Chur: «Sus kasch kalta Kaffi ha.»
Buchtipp:«Zeitreisen durch Lenzburg» von Christoph Moser, 192 Seiten, 2025. ISBN 978-3-03846-868-4. Erhältlich im Museum Burghalde und im Buchhandel.
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Text: Marc Philip Seidel, 05.2025, Lenzburger Bezirks Anzeiger
Ecken und Kanten (Kolumne 3/2025)
Letzten Freitag eröffnete unsere erfolgreiche Ausstellung «Schatzkammer Wald», nun zu Gast und erweitert im NMB Neues Museum Biel. Beim Nachdenken über die Vernissagerede kam wie beim Drechseln der Förster als Idealbild von Mensch zum Vorschein. Eine kurze Hommage also an unsere holzigen Zeitgenossen – mit geflügelten Worten und einem Augenzwinkern: Ohne Förster wäre unsere Welt nicht halb so gut. Okay, Förster mögen keine Schmeicheleien und Streicheleinheiten; da wird gehackt, geschlagen und gesägt. Sie sind wahre Philosophen: Keiner sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wenn nicht gerade der nächste Stamm fällt, dann herrscht wörtlich Schweigen im Walde – bis auf eine Motorsäge, ganz fern im Wald.
Forstarbeit ist so populär, Motorsägen haben’s sogar auf die internationale Politbühne geschafft. Kommt davon, wenn sich Präsidenten wie die Axt im Wald benehmen!). Aber back to the försters: Ihr kritisches (Holz)auge ist bestechend: Sie prüfen ihre Geschäftspartner, ob sie etwas auf dem Kerbholz haben. Ja, Förster sind empathisch, denn sie wissen: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Von Förstern sollte man sich eine dicke Scheibe absägen, denn ein wahrer Kamerad ist aus demselben Holz geschnitzt. Sie sind bescheiden und geerdet und ihnen ist klar, dass sie eine Arbeit leisten, die über ihre eigene Lebenszeit hinausgeht. Wer den Baum gepflanzt hat, geniesst selten seine Frucht. Und wer Bäume setzt, obwohl er weiss, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen. Womit wir bei der Sinnhaftigkeit unserer (Wald-)Kulturarbeit wären.
Ja, der Wald ist en vogue. Drum zelebrieren wir die Schatzkammer Wald, etwa in Form von Murmeln aus Lenzburger Holz. Übrigens: Juhu, die Murmelbahn ist ab 1.4. wieder offen! Und unsere Stammtische in Koop. mit den Forstdiensten Lenzia findet ab 22.5. fix in der Waldhütte Römerstein statt. Agenda auf: www.museumburghalde.ch.
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Marionetten sind ja aktuell hoch im Kurs. Zweifellos und nicht zu übersehen, überall, in den News und tagesaktuell. Digital und live gestreamt, Socken-, Stab- und Gliederpuppen, Kasper, Clowns, Karikaturen.
Alt, uralt, weltweit beliebt sind und waren Puppen und das Possenspiel. Erfreuten sich schon die Hellenen – so Archäologen – sogenannter «Neurospasmata» – vor den Tempeln; Pharaonen im Land der Pyramiden. Gleich gebaut mit Sehnen/Fäden, Gliedern, Attributen, seit Jahrhunderten; bei den Chinesen, Indern und Burmesen. «Opera dei Pupi» auf Sizilien, im Iran «Kheimeh Shab Bazi». Die nächtliche Show in einer Puppenbude: Gut getrickst, gekonnt gespielt verzaubern Puppen, Scaramouche und Pulcinella Klein und Gross – mit Orchester, Trommelwirbel und Gefolgschaft im Theater. Wahre Künstler der Romantik liessen Marionetten schweben. Die Schwerkraft ausser Kraft gesetzt. In der Manege, fasziniertes Publikum, getäuscht vom meisterlichen Spiel – von Spielern, Spielerinnen.
Ach Mensch! Wie verblüffend ist das Hampelspiel, kindlich fröhlich in der Oper. Welch Theater, traurig, bitter ernst auf grosser Bühne: Oval Office, Roter Platz, Gaza, Kumsusan – Palast der Sonne. Bunt schillernd flimmernd, Schlag auf Schlag, Trumpf um Trumpf, Zug um Zug, wie ein Kartenspiel, abgekartet, ausgehandelt, blind? Wenn im Marionettenstaat Hampel*innen hampeln; Strohmänner, Drahtzieher, Hintermänner gaukeln, schaukeln, drehen Facts zu Fake, Wahrheit spielt gar keine Rolle. Trolle, Avatare, Deep Fake, grosses Kino, leider nicht im Sinn «Blockbuster», sondern aufgeblasen. Potemkinsches Dorf!
Die Moral von der Geschicht? Die Fabel schrieb schon Margaretha Kieser (1829–1901), Lenzburgs Dichterin: Hampelmann: «Ja, ja, ich bin’s, schaut mich nur an. Ich bin der Herr von Hampelmann! Ich treib gar eine schöne Kunst und bitt’ daher um eure Gunst!». Kinder: «Was Kunst? Du schlenkerst nur das Bein, verstehest das auch nicht allein! Wer gar nichts aus sich selber kann, den nimmt man nicht als Künstler an!» Wem das nicht klar genug, den klärt auf ihr Lebensspruch: «Rede und nid dänke isch fahre, ohni z länke».
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Ein genussvolles Museumsjahr darf sich nun, den winterlichen Temperaturen entsprechend, in die Winterdecke hüllen und den Jahreskreis als Gelegenheit nehmen für einen erfüllenden Rück- und Ausblick: Dass uralte Geschichten zum lebendigen Erzählgut werden, die Verschränkung von Tradition und Innovation erquickend neue Wege ermöglichen kann, hat sich im Rahmen des Themenjahres «Sagenzauber» exemplarisch gezeigt. Die Begleitpublikation verortet damit Lenzburgs immaterielles Kulturgut auch in Buchform. Der Sprung durch Zeiten, Realitäten und Seiten wird uns auch im 2025 beschäftigen. Unser Stiftungsrat und alt Stadtschreiber Christoph Moser hat uns nicht erst mit seinen Kolumnen etliche Fenster in vergangene Zeiten ermöglicht. Sein Vermächtnis für Lenzburg wird Ende April in gedruckter Form gebührend vorgestellt. Als Kooperationsprojekt mit der Stadt Lenzburg entstanden, dient auch der letzten August erschienene Führer «Kunst in Lenzburg» als Wegweiser zu Lenzburgs reichem Erbe. Ab Oktober ziehen uns die Künstlerin Clara Müller und Lenzburgs Powerfrauen in ihren Bann.
«Lenzburgs Schätze» Sie lassen sich nicht nur in unserem Stadt- und Regionalmuseum entdecken, sondern nun auch im druckfrischen Katalog. Die «Geschichten, Sammlungen und Trouvaillen», so der Untertitel, erlauben imaginäre Reisen rund um Lenzburgs DNA. Aufgeführt sind etwa Persönlichkeiten aus Bildung, Gesellschaft und Kultur mit einem runden Lebensdatum wie der vor 200 Jahren geborene Oscar Tanner-Jeannot, Inhaber der Seilerwarenfabrik, später Mammut; die Schriftstellerin Martha Ringier (150 Jahre) und der Mitbegründer der Lenzburger Neujahrsblätter und erster Präsident des heutigen Museums, Nold Halder (125 Jahre). Dass diese Sammlung der Vollständigkeit im Buch entbehren muss, liegt auf der Hand. Die darin fehlenden Persönlichkeiten, wie der Theologe und erster Direktor der JVA, Johann Rudolf Müller (* 1824), oder der Architekt Ernst Hünerwadel (verstorben 1924), lassen erahnen, wie viele weitere Schätze und Zeitreisen uns künftig noch erwarten.
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Kennt Ihr! Am Schreibtisch sitzen, die Fingerchen angewinkelt, bereit zum Lostippen, doch … schhh Schhhh, Schöner Sch..reibschhhtau. Nix geht. Aufstehen und die Flucht ergreifen? Nö. Prokrastination lässt grüssen. Also besser dem Damoklesschwert trotzen, am Pult aushalten. Nur für einen Moment – okay, ist nicht so einfach, Ritalin, Duracell und Hamsterrad sind schuld – doch es geht gar nicht lange, weil: «Es ist wirklich erstaunlich, was einem alles so einfällt, wenn man am Schreibtisch sitzt und keine Einfälle hat.» Schlau, dieser Spruch von Joseph Conrad (Namen später mal googeln. Eben: Aushalten! Nicht abschweifen.) Zurück zum Auftrag: Kolumne für LBA, zu Lenzburg, Museum, Bildung, Kultur, … ah! ... Pestalozzi ... kürzlich wieder aufgeschnappt: «Mit Herz, Hand und Verstand» und gestern realisiert: Diese Worte stammen aus seiner «Lenzburger Rede» vor über 200 Jahren. Lenzburg? Ja! Einst Bildungshochburg (vor Wettingen!) mit Lippe, Stapfer, Pfeiffer und Keller: Alles klingende Namen rund um Lenzburgs Vorreiterrolle in der Bildung, mit Strahlkraft, gar in die Schweiz und darüber hinaus. Pestalozzi ist keineswegs gestorben!
Seine geflügelten Worte haben ihre Gültigkeit bewahrt und spiegeln sich etwa in der musealen Bildungsarbeit wider. Überzeugung, Hingabe und Vertrauen mit Breiten- und Tiefenwirkung. Das steckt im ganzheitlichen Bildungsansatz. Als ausserschulischer Lernort ist das Museum gar Bildungsschatzkammer und Erlebnisort zugleich. Anknüpfungspunkte sind bei Kindern kein Problem, weil offen und neugierig. Das Museum als kollektives Gedächtnis bietet aber noch mehr: von der Schnellbleiche und Kreativimpuls für Getaktete inklusive Geheimtipp-Museumscafé. Dauerbehandlung mit Langzeitwirkung für die Angefixten. Beide Varianten gibts täglich zu den Öffnungszeiten oder bald im druckfrischen Museumskatalog. Vernissage am 16. Dezember beim Gönneranlass. Gönner werden ist übrigens ganz einfach. Zum Beispiel bei einem Kafi im Museum.
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Ein anderer Blick vermag ab und an eine Seite zu beleuchten, die bis anhin im Dunkeln lag. Wie oft geht da ein Licht auf, wenn endlich das Verborgene im rechten Licht erscheint? Logo, dafür muss man keine Leuchte sein. Spannend ist der Gedanke schon, hat doch gerade der verborgene Aspekt seinen Reiz, der Neugier weckt. Hingegen langweilt rasch, was allen zugänglich ist. Dabei ziehen Hotspots Menschenscharen wie Motten ans Licht. Was bleibt mehr als ausgetrampelte Pfade, kaputte Wiesen, «lame» Wesen. «Insta-Moments» als Versatzstück: Gotthard-Blechlawinen, Amalfiküste-Ölsardinen, Gondola-Gaukelei durch Venedig. Tiktok, Tiktok! Es hupt! Gelobt seien Lärchenhorst und Arvenwäldchen in der Heimat. Sieh, das Schöne liegt so nah! Handkehrum: Wie oft haben wir’s selbst nicht geblickt, lag das Gesuchte doch direkt vor den Augen! Smartphone, Autoschlüssel, andere denken da an die Liebe. Gesucht und gesucht, einfach nicht gefunden! Weil unter Strom, im Rädchen oder blind vom Glanz. Einerlei, wenn kein Funke springt und nichts zum Leuchten bringt!
Nicht anders, so scheint’s, was auf der Politweltbühne flackert, wo Trug mehr scheint, als Schein uns trügt: Ist bald Lichterlöschen?!? Gedankenkarussell! Make peace, nid wahr! Nur: Was vermag die eigene Ohnmacht zu ent-lähmen? Überschattet vom Overkill der Überflut? Ein anderer Blick! Am besten gleich in eine neue Richtung! Weg vom Flimmerscreen, hin zum Musentempel, hinein in den Sagenzauber, in der Schatzkammer, ausgekleidet mit den Brettern, die die Welt bedeuteten, da, wo grosse Geister zum Entdecken laden, wahre Leuchten Nimben haben.
«Alles, was es braucht, sind Märchenaugen, dann ist die Welt voller Wunder.»
Wieder mal staunen? Mit der Taschenlampe durchs Museum Burghalde? Augenschmaus im Museumskino? Am Samstag, 2. November, ist wieder «Helle Nacht»: Industriekultur im Aargau – gestern, heute, morgen.
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«Willkommen im Abenteuerpark Kindererziehung, wo Holzspielzeug die Hauptattraktion ist! Hier wird das Spielen zum Erlebnis und die Fantasie angeregt!
Man stelle sich einen riesigen Holzspielplatz vor, der wie ein verwunschenes Schloss aussieht. Da klettern Kinder über klobige Holzklötze, die wie Berge wirken. Dabei erzählt jedes Stück Holz eine Geschichte – von mutigen Rittern, die gegen Drachen kämpfen, bis hin zu kleinen Entdeckern, die unbekannte Länder erkunden.
Und das Beste? Die Holzspielzeuge sind nicht nur umweltfreundlich, sondern auch langlebig. Holzspielzeug fördert die motorischen Fähigkeiten! Kinder können mit den bunten Bausteinen ihre eigenen Welten erschaffen. Es gibt keine Regeln, nur grenzenlose Möglichkeiten. Mit diesem Holzbaukasten ist jeder Tag ein neues Abenteuer, und mit Holzspielzeug wird die Kindererziehung zu einem unvergesslichen Erlebnis voller Freude, Kreativität und einer Prise Chaos!»
Etwa so oder ähnlich könnte der Werbetext für den berühmten Schweizer Baukasten gelautet haben. Viel Werbung brauchte Carl Zweifels Erfindung jedenfalls nicht. Lange vor Lego, Playmobil & Co. war das Konzept mit reformpädagogischem Gedankengut derart erfolgreich, dass sich der Lenzburger Architekt nach der Prämierung des Schweizerischen Werkbunds 1915 vollends der Spielentwicklung zuwandte. Übrigens: Jungen und Mädchen wurden gleichberechtigt damit adressiert.
Dem Designer blieb mit seinem Erfolg reichlich Zeit für die «Contemplation»: In Aquarell und am Zeichenbrett entstanden über die Jahre wunderbare Interieurs und Stadtansichten von Zweifels Geburtsstadt Lenzburg.
Eine schöne Auswahl an künstlerischen Arbeiten findet sich in der aktuellen Pop-up-Ausstellung im Museum Burghalde. Ob Sie alle Gebäude auf den Jugendstil-Postkarten erkennen?
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Anekdoten über Kunst oder Müll gibt es ein paar schöne. Ein berühmtes Missverständnis aus der Kunstwelt dreht sich um die «Fettecke». Etwa wurde eine künstlerisch mit Fett, Mull und Heftpflastern verzierte Kinderbadewanne des Künstlers Joseph Beuys irrtümlicherweise gereinigt und zum Bierkühlen verwendet. Klar, dass die Bierparty teuer ausfiel. Dann füllte eine Rentnerin in einem Museum in Nürnberg ein Kreuzworträtsel mit ihrem Kugelschreiber aus. Den Tumult konnte sie nicht verstehen, hatte sie doch bloss Anmerkungen auf dem Werk zum Anlass genommen, das Rätsel zu lösen … Und in Lenzburg fragte eine Reinigungskraft den vormaligen Sammlungsleiter hinsichtlich der Wisa-Gloria-Schaukeltiere, die zur Raumreinigung zwischenzeitlich im Gang ausgelagert waren: «Brauchen noch oder kann mitnehmen?»
Über die Frage, was Kunst ist und woher Kunstschaffende ihre Inspiration nehmen, haben sich mehrere Philosophen- und Künstlergenerationen den Kopf zerbrochen. Ganze Kompendien wurden mit kreativen Antworten gefüllt. Fragt man die künstliche Intelligenz, wirds ganz erhellend: «Wenn Sie sich fragen, wo die Künstler von Lenzburg ihre Inspiration finden, die Antwort könnte nicht einfacher sein: Im Kühlschrank! Denn was wäre kreatives Schaffen ohne ein gutes Stück Käse. (…) Aber keine Sorge, die Lenzburger Kunstszene hat auch ihre Stars. Da gibt es den Künstler, der behauptet, seine Skulpturen seien ‹von den Sternen inspiriert›. (…) Man muss ihm lassen, dass er den Mut hat, seine ‹kosmische› Vision mit der Welt zu teilen», gibt der Denkroboter preis. Die Frage, was Kunst ist, lässt sich also nicht abschliessend beantworten. ChatGPT kommentiert gar: «Eins ist sicher: Kunst liegt im Auge des Betrachter – oder zumindest im Weg, wenn man nicht aufpasst.»
PS: Den neuen Guide «Kunst in Lenzburg» gibts zum Beispiel im Museum Burghalde, im Rathaus, gedruckt und online.
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Tiere sind des Menschen Freund, lautet eine alte Weisheit. Und das seit Menschengedenken, gar über den Tod hinaus: Die kunstvollen Grabfunde aus Lenzburgs römischer Zeit zeugen von der Verehrung der Tiere: Einen halben Zoo mit Säulein, Vögeln, Hirsch, Hase und Hunden gab einst bei Ausgrabungen das Lindfeld preis. Herausragende Funde stellen aber die beiden Panther – es sind die Griffe der Bronzekannen – im Museum Burghalde dar. Eine andere Zoo-Belegschaft mit Bambi, Elefant, Kamel, Schwan und Schaukelschnegg aus Lenzburger Manufaktur eroberte so manches Kinderzimmer. Auf der Pirsch durch das Museum Burghalde lassen sich mit etwas Glück diverse exotische Tiere aufspüren: Da überraschen Eisbären die Polarforscher mit Hero-Büchsen, fliegende Pferde mit Feuerwagen auf einer Ikone und Einhörner auf einem Wappenschild. Welcher Spassvogel hat sich eigentlich als singenden Delphin auf einer alten Tonkachel verewigt? Es war der Lenzburger Ofenbauer Johannes Seiler im Jahr 1770.
Ein oder eher mehrere Vögel entsprangen einst dem Lenzburger Bildhauer Peter Hächler: Nämlich zwei bronzene an der Zeughausstrasse (im Innenhof des reformierten Kirchgemeindehauses und auf dem Pausenhof der Schulanlage Lenzhard) sowie ein stolzes Steinexemplar als Krönung des Güggelbrunnens (Burghaldenstrasse).
Wer sich in der musealen Schatzkammer umschaut und sich auf die Suche nach dem künstlerischen Skulpturenschatz durch Lenzburg macht, wird reich belohnt: nicht nur die Vogelschar wartet auf. Wo sich die Bremer Stadtmusikanten, Not Vitals Kamelkopf, die Rehbank und unzählige weitere abstrakte, minimalistische, leuchtende und sprudelnde Kunstwerke im öffentlichen Raum befinden, verrät der erste Lenzburger Kunstführer; druckfrisch und reich bebildert. Das wundervolle Kooperationsprojekt wird am 24. August um 11 Uhr im Teegarten im Widmipark präsentiert. Anschliessend Apéro und Kunstführungen. Der Guide ist ab dann digital und gedruckt kostenlos erhältlich.
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Beim Anblick eines alten Schwarz-Weiss-Fotos kann uns ab und an ein Gefühl der Melancholie überwältigen. Etwa dann, wenn uns ein Bild in vergangene Zeiten versetzt und vielleicht lange vergessene Erinnerungen zum Leben erweckt. In einer Welt, die an digitalen Bilderfluten erstickt und zugedröhnt mit Filter-Exzessen halluziniert, bergen alte Schwarz-Weiss-Fotos etwas Magisches und Befreiendes in sich.«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg jeweils spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Dabei kommt Schwarz-Weiss-Fotos etwas Besonders zu, denn sie scheinen die Nostalgie auf eigenartige Weise festzuhalten. Es mag an der Abwesenheit von Farbe liegen, sodass sich mit jedem Papierbild ein Fenster zur Vergangenheit auftut. Jede Linie, jeder Schatten ist Teil der Komposition. Die Einfachheit und die Raffinesse machen diese Bilder zu kleinen poetischen Kunstwerken, die auch nach Jahrzehnten ihre Anziehungskraft nicht verlieren. Vielleicht liegt es auch an der Seltenheit des Abzugs, der in einer Zeit entstand, als Fotografieren noch unerschwinglich war. Es ist, als erzählte jedes Foto aus Grossmutters Zeiten eine eigene Geschichte mit eigener Atmosphäre und liesse uns eintauchen in eine Welt, die so nicht mehr existiert, aber dennoch in der Erinnerung weiterlebt. Ihre Schönheit gründet sicherlich auch in ihrer künstlerischen Ausdruckskraft, die durch Licht und Schatten und Harmonien die Szenerie in eine unendlich faszinierende Stimmung versetzt. Ja, es sind wohl das Zeitlose und die emotionale Tiefe, die historische Papierbilder zu wahren Schätzen machen und uns die Schönheit des Moments vor Augen führen.
Solch faszinierende Momentaufnahmen lassen sich nun, auch noch nach dem Foto-Festival Lenzburg, im Museum Burghalde mittels QR-Code hervorzaubern – und zwar auf der grossen Landkarte, just am einstigen Aufnahmeort.
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War das vielleicht der wahre Grund für seine Nordpol-Expedition? Vor ziemlich genau 100 Jahren waren die prächtigen Polarlichter hierzulande wie vor wenigen Tagen ebenfalls zu erblicken. Das in unserer Gegend äusserst seltene Himmelsphänomen muss es dem berühmten Polarforscher Lincoln Ellsworth, damals auf Schloss Lenzburg wohnend, wohl angetan haben. Nun gut, reine Spekulation. Dass jener aber bereits mit jungen 23 Jahren in Kanadas Wildnis und dann in Alaska umherstapfte und sich sein Vorhaben manifestierte, die Magie des Polarkreises zu erkunden, ist festgehalten. Ja, Polarlichter bezaubern. Doch nicht alle Himmelsphänomene lösten früher Freudentränen aus. Im Juli und August des Jahres 1566 wurden die drei Himmelsereignisse als himmlischer Kampf gedeutet. Da sollen schwarze Kugeln vor der aufgehenden Sonne gekämpft haben. Fünf Jahre zuvor, am 14. April, soll sich Nürnbergs Firmament gar in eine epische Luftschlacht verwandelt haben. Unzählige Objekte in Form von Kreuzen, Kugeln, Mondsicheln, Speeren sollen im Morgengrauen über den Himmel geschossen sein. Ein «Drachenstein» sorgte im Sommer 1421 im Luzernischen für Angst und Schrecken. Ein Landwirt soll der Sage nach vor einem feuerspeienden Drachen von der Rigi in Richtung Pilatus geflohen sein.
Heute wissen wir natürlich, dass jene Schreckensmomente in alten Sagen damals eigentlich bloss Beschreibungen unerklärbarer Himmelsphänomene waren. So steckt etwa hinter dem geheimnisvollen Namen «Fata Morgana» die keltische Zauberin Morgain, die in der Artus-Sage den König in ihr Reich – in die «Anderswelt» führt.
Mehr über geheimnisvolle Himmelsphänomene und Sagenzauber aus der Region gibts im frisch gedruckten Buch « Sagenzauber» des Museums Burghalde.
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Dass Botox, Silikonkissen und Skalpell da nichts bringen würden, war der Stiefmutter beim Blick ins Spieglein an der Wand glasklar. Denn den Schönheitslevel Faktor 1000 aufzuholen, war schlicht ein Ding der Unmöglichkeit, dachte sich die zweitplatzierte Alte. Also ging es ans Eingemachte und dem Miststück von Schneeflittchen an den Kragen. Doch die royal geplante Meuchelei an der deutlich hübscheren Stieftocher sollte kläglich scheitern. Die Liebe siegte und man bat zum Tanz – auch die böse Königin –, in glühend heissen Eisenpantoffeln – bis zum Umfallen. Wortwörtlich.
Wer nun glaubte, Schneewittchen sei eine Kuschellektüre, lese mal die bald 200-jährige Grimmsche Originalfassung oder die Puschkin’sche Variante aus derselben Zeit… Von wegen Glitzerglassarg, Prinzenkuss und Zwergenreigen: da wurde mit harten Bandagen gefochten. Unter Kannibalismus, Kindstötung, Giftmord und Folterszenen ging da nix. Spätestens nach der dritten Textfassung merkten aber die Grimmbrüder, dass eine moderatere Kinderausgabe mit Zuckerwatte und Einhornsirup die Buchverkäufe zum Explodieren bringen würde.
Schneewittchen inspiriert seit 200 Jahren für Film, Literatur, Malerei, Musik, Skulptur und Popkultur. Die Adaptionen sind schier unendlich – bis in die heutige Zeit. Wer also dachte, Märchen seien von gestern, der irrt: die sprechenden Zauberspiegel haben aufgerüstet und laufen heute mit Augmented Reality und der kostbare ledergebundene Wälzer punktet als schlankes iPad im Titancover. Mit KI zum «Sagen-Generator» gepimpt, zaubert das moderne Kompendium für die Ausstellungsbesuchenden bereits hunderte neue Erzählungen. Gar Schneewittchens Schlitten kommt heute fancier daher als annodazumal – in metallic ice blue, passend zur eiskalten Jahreszeit.
Mehr zu Märchen- und Sagen gibts auf www.sagenzauber.ch
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg jeweils spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Ja, sie rollen wie-der, die Lenzburger Holzkugeln – und Köpfe. Köpfe? Creepy! Jawohl. Denn von Totebeinli, Chnochegstell und Köpferollen han-deln einige Gruselgeschichten, so etwa diejenige vom schwarze Maa ufm Metzgplatz. Just da, wo der Schneider die rollenden Köpfe aufgefangen haben soll – am Graben –, kugelt auch die eigene Holzmurmel ins Ziel. Die Sagen aus einem alten Nest erwecken so manchen Geist wieder zum Leben, etwa den geköpften Gauner Bernhard Matter oder die Chlausbrunnengeistli, die des Nachts erscheinen sollen.
Wo Geister wabern, da sind Skelette und feuerspeiende Drachen nicht weit! Um das Ungeheuer gehts auch bei den Brüdern Guntram und Baltram. Ersterer war zu wagemutig und wurde am Stück verschluckt. So kam das Schwert des Zweiten zum Zug und dem Lindwurm gings an den Kragen. Der Sieg über das Böse brachte schliesslich das prächtige Schloss Lenzburg mit dem florierenden Städtli hervor.
Wer sich eines schönen Frühlingsabends das Himmelsleiterli zu erklimmen besinnt, um den zauberhaften Schlossanblick zu geniessen, der geselle sich zur schönen Frau Hilde und singe ein Ständchen. Vom Gofi aus soll auch die Schönheit übers Land mit seinen vielen Burgen und Schlössern geblickt haben: Brunegg, Wildegg, Wil-denstein, Besserstein, Biberstein und Habsburg oder Schloss Hallwil und Schenkenberg. Von dort überall sollen die jungen Ritter gekommen sein und um ihre Minne geworben haben. Heute noch sitzt die holde Maid hier auf dem roten Bänkli, zwar mit Holzkopf, und wartet … und wartet … und wartet….
Das Warten hat nun ein Ende! Zur Eröffnung der Märmelibahn mit den Sagen-Hörstationen am 4. April, 17.30 Uhr, unter den Arkaden des Alten Gemeindesaals, sei herzlich eingeladen.
«Schatzkammer». Hier stellen Mitarbeitende des Museum Burghalde Lenzburg jeweils spannende Geschichten und originelle Fundstücke vor.
Ist von einer Schatzkammer die Rede, so erscheinen vor dem geistigen Auge unweigerlich funkelnde Edelsteine und glänzende Goldstücke. Doch das schimmernde Gold wird in Sagen und Märchen auch mal zu schwarzer Kohle. In den alten Erzählungen weicht der kurze Augenblick der Kostbarkeit im Dunkel der Vergänglichkeit. Schnitt.
Ein alter Kleinbildprojektor rattert im abgedunkelten Hexenraum und erzählt filmisch eine fantastische Geschichte von Göttervögeln. Verstaubte Singvögel auf den Gestellen und beleuchtete Tierpräparate, eingelegt in Alkohol, in Wachs getauchte Fundobjekte werden in dieser surrealen Wunderkammer zu Kuriositäten. Da leben zwei komische Vögel scheinbar im chaotischen Gerümpel des Untergrunds, in einer Welt zwischen Realität und Fantasie. Ausrangierten Dingen hauchen sie ein letztes Mal neues Leben ein und singen unbeirrbar einem neuen, hoffnungsvolleren Universum entgegen. Beschrieben ist hier die ebenso faszinierend-bizarre wie liebevoll-poetischen Inszenierung in der eben eröffneten Sonderausstellung «Sagenzauber». Das Stück «Vogljodl» verwandelt die Brockenstube in eine Schatzkammer, in der lebendiges Erzählgut pantomimisch-wortlos in eine Halbwelt eintauchen lässt und aussortierte Objekte für kurze Zeit in den Schein einer klapprigen Lampe gerückt werden. Es entsteht ein Ort des Innehaltens, wo die ureigene Begeisterung des Menschen mit Geschichten angereichert wird.
Analog zum Motto der Veranstaltung «Ein Abgesang auf die letzten Dinge» lässt sich diese Inszenierung übrigens auf das Museum übertragen: Da kommen nämlich Fragen nach dem Erhaltungswert und der Relevanz von immateriellem Kulturguts auf. Die Abendveranstaltung «Vogljodl» spielt in der Wunderkammer der aktuellen Ausstellung «Sagenzauber». Sie lädt Anfang März und Ende Oktober in der Dépendance Seifi des Museum Burghalde – auch komische Vögel – zum musikalischen Theatererlebnis ein.
Text: Marc Philip Seidel Februa 2024
Gewürfelte Geschichten (Kolumne 1/2024)
Irgendwie haben wir es alle ins neue Jahr geschafft: horizontal ruhend, rollend gesättigt oder gar übernächtig kreisend. Irgendwann zwischen Tannenbaum und Sekt blieb unter Umständen eine ruhige Minute, um sich die Frage zu stellen: Wie soll mein 2024 werden? Gelassen, dynamisch, gewürfelt? Vielleicht bleibt ja alles beim Alten, heuer gar einen Tag länger. Oder es kommt die Kugel ins Rollen. Einige mögen schon länger gespürt haben, dass sich eine neue (Lebens-)Phase ankündigt. Jene nahmen die symbolische Jahreslinie eventuell zum Anlass, die Kreise künftig etwas grösser zu ziehen. Möglicherweise führt wie im Würfelspiel der Zufall auf neue Wege, oder es geht ganz unverhofft ein Türchen zu einer geheimnisvollen Schatzkammer auf. Lassen wir uns überraschen.
Womit wir beim Stichwort und dem Kolumnentitel wären: Ja, auch heuer haben wir in unserer Schatzkammer Highlights aus Stadt und Region Lenzburg zusammengetragen. So viel sei verraten: Die Scheinwerfer sind im Themenjahr «Sagenzauber» auf das «immaterielle Kulturgut», sprich: alte Erzählungen aus Lenzburg und Umgebung, gerichtet. Belesene wissen, dass sich unter alten Texten wahre Schätze finden lassen! Und so haben wir uns daran gemacht, die Überlieferungen aufzubereiten, zu vertonen und als Hörstation in der Sonderausstellung sowie outdoor mittels QR-Code zugänglich zu machen – einige gar als neue Märmelibahn-Station im Städtli. Ebenfalls speziell für Kinder sind ausserdem Märlistunden, für Erwachsene Inszenierungen in der sagenhaften Wunderkammer zu empfehlen.
PS: Auf die Frage, wie Geschichtenschreiben im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz geht, haben wir eine kreative Antwort gefunden: Diese gibt der weissbärtige Zauberer mit seinem «Sagengenerator», seiner magischen Schatulle – auf Knopfdruck, gewürfelt, aber keine einzige zweimal! Damit der geschriebene Schatz einmalig bleibt.
Die neue Ausstellung «Sagenzauber» eröffnet am 24. Februar seine Türen.
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Wer kennt sie nicht, die magischen Buchklassiker aus dem (Enkel-)Kinderzimmer: das «Dschungelbuch», «Jumanji», «Alice im Wunderland» oder Harry Potters Gesamtausgabe. «In den Bann ziehen» wird bei diesen Beispielen erlebbar und magische Welten tun sich auf. Der Sogwirkung eines Buches kann sich auch Globi in seinem jüngsten Abenteuer nicht entziehen. So landet er flux im Schmöker des Trödlerladens – im Reich der Fantasie. Kapitel um Kapitel dringt der lustige Vogel tiefer in die Unendlichkeit zwischen Buchdeckeln ein.Ein genussvolles Museumsjahr darf sich nun, den winterlichen Temperaturen entsprechend, in die Winterdecke hüllen und den Jahreskreis als Gelegenheit nehmen für einen erfüllenden Rück- und Ausblick: Dass uralte Geschichten zum lebendigen Erzählgut werden, die Verschränkung von Tradition und Innovation erquickend neue Wege ermöglichen kann, hat sich im Rahmen des Themenjahres «Sagenzauber» exemplarisch gezeigt. Die Begleitpublikation verortet damit Lenzburgs immaterielles Kulturgut auch in Buchform. Der Sprung durch Zeiten, Realitäten und Seiten wird uns auch im 2025 beschäftigen. Unser Stiftungsrat und alt Stadtschreiber Christoph Moser hat uns nicht erst mit seinen Kolumnen etliche Fenster in vergangene Zeiten ermöglicht. Sein Vermächtnis für Lenzburg wird Ende April in gedruckter Form gebührend vorgestellt. Als Kooperationsprojekt mit der Stadt Lenzburg entstanden, dient auch der letzten August erschienene Führer «Kunst in Lenzburg» als Wegweiser zu Lenzburgs reichem Erbe. Ab Oktober ziehen uns die Künstlerin Clara Müller und Lenzburgs Powerfrauen in ihren Bann.
«Lenzburgs Schätze» Sie lassen sich nicht nur in unserem Stadt- und Regionalmuseum entdecken, sondern nun auch im druckfrischen Katalog. Die «Geschichten, Sammlungen und Trouvaillen», so der Untertitel, erlauben imaginäre Reisen rund um Lenzburgs DNA. Aufgeführt sind etwa Persönlichkeiten aus Bildung, Gesellschaft und Kultur mit einem runden Lebensdatum wie der vor 200 Jahren geborene Oscar Tanner-Jeannot, Inhaber der Seilerwarenfabrik, später Mammut; die Schriftstellerin Martha Ringier (150 Jahre) und der Mitbegründer der Lenzburger Neujahrsblätter und erster Präsident des heutigen Museums, Nold Halder (125 Jahre). Dass diese Sammlung der Vollständigkeit im Buch entbehren muss, liegt auf der Hand. Die darin fehlenden Persönlichkeiten, wie der Theologe und erster Direktor der JVA, Johann Rudolf Müller (* 1824), oder der Architekt Ernst Hünerwadel (verstorben 1924), lassen erahnen, wie viele weitere Schätze und Zeitreisen uns künftig noch erwarten.
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Wer kennt sie nicht, die magischen Buchklassiker aus dem (Enkel-)Kinderzimmer: das «Dschungelbuch», «Jumanji», «Alice im Wunderland» oder Harry Potters Gesamtausgabe. «In den Bann ziehen» wird bei diesen Beispielen erlebbar und magische Welten tun sich auf. Der Sogwirkung eines Buches kann sich auch Globi in seinem jüngsten Abenteuer nicht entziehen. So landet er flux im Schmöker des Trödlerladens – im Reich der Fantasie. Kapitel um Kapitel dringt der lustige Vogel tiefer in die Unendlichkeit zwischen Buchdeckeln ein.
Wie aber öffnet man ein «Buch mit sieben Siegeln» überhaupt erst? Nicht verstanden? Dann ist dieses Nichtwissen auch gleich die Antwort respektive die Redewendung deutet auf ein unlösbares Rätsel hin. Woher dieses geflügelte Wort stammt? Aus dem «Buch der Bücher». Und darum gehts: Wenn alte Bücher nicht bloss von Rätseln und Schätzen des (ewigen) Lebens erzählen wollen, sondern selbst zu Preziosen werden und Globis Trödelladen zu Lenzburgs Schatzkammer wird, dann werden hier heilige Schriften, Rollen, Bildtafeln und -teppiche aus den alten Zivilisationen ort- und zeitversetzt erlebbar. Aus privaten Sammlungen führen die äthiopischen und koptischen Highlights gerade zu den Ursprüngen unserer Kulturgeschichte zurück. Aus Niederlenz wird der versierte Buchbinder Peter Karlen eingeflogen, um im Museumsforum seine schönsten Kalligraphien, Marmorpapiere und Handwerkspreziosen zu beleuchten. Seine kleine, feine Retrospektive läutet die neue Reihe «Lenzburg sammelt …» im Stadt- und Regionalmuseum Lenzburg ein. Das Ausstellungsplakat zieht in seinen Bann.
Am nächsten Adventssonntag ist freier Museumseintritt. Das Museum Burghalde lädt zu den Vernissagen mit Umtrunk ein. Adventspapier und Geschenkkarten marmorieren in der offenen Werkstatt, ab 8 Jahren. museumburghalde.ch.
Bernhart Matter, geboren 1821, auch «Robin Hood der Schweiz» genannt, ist vielen in der Region bereits ein Begriff: der erfolgreiche Gauner, der edle Dieb, der es den Reichen nimmt und den Armen gibt.
Für die einfache Bevölkerung waren die damaligen Zeiten hart. Im Aargau litten Leute damals noch Hunger – heute kaum noch vorstellbar. Einen Mittelstand gab es nicht. Jede sechste Person im Kanton musste von ihrer Gemeinde unterstützt werden. Matters Diebestouren wurden als Auflehnung gegen die Oberschicht gesehen und er war in der einfachen Bevölkerung beliebt. «Lasst den Matter in Ruh! Den Armen nimmt er nichts. Und den Reichen tuts nichts», wurde angeblich auf sogenannten «Fresszeddeli» im Suhrental verteilt, als intensiv nach ihm gefahndet wurde.
Ein Teil von Matters Berühmtheit ist auf sein Ende zurückzuführen: 1854 wurde er als letzter Aargauer in Lenzburg öffentlich hingerichtet. Sein Tod verkam zu einem regelrechten Volksspektakel, das etwa 2000 Leute mitverfolgten.
Die Hinrichtung war umstritten. Matter war zwar ein äusserst erfolgreicher Dieb – die Deliktsumme, für die er verurteilt wurde, hat immerhin den heutigen Gegenwert von einer halben Million –, aber er war kein Mörder oder Schwerverbrecher. Der Obrigkeit wurde vorgeworfen, Matter aus Rache und nicht als Bestrafung der «Vertilgung» zugeführt zu haben. Er galt nämlich als wahrer Ausbrecherkönig. Wenn er der Polizei nicht schon vorher entwischte, entkam er aus Ketten, Zellen und sogar eigens für ihn erbauten Kammern.
Viele Geschichten und Legenden ranken sich heute um den Dieb. Zu Matter gibt es Bücher, Lieder, Gedenktafeln, Theaterstücke und Comics. Auch im Museum Burghalde ist noch bis Ende November etwas von ihm zu finden: Es sind die Hals- und Armketten, mit denen er vor seiner Hinrichtung gefesselt war. Das unheimliche Exponat ist versteckt in der Sonderausstellung «Schatzkammer Wald». Wo genau, dass müssen die Besucher und Besucherinnen selbst herausfinden!
Generationen von Pilzkundlern und -sammlern haben anhand der Bildtafeln des Lenzburgers Hans E. Walty (1868–1948) die Schweizer Pilzflora kennen gelernt. Mit dem kleinen Bildbüchlein im Sack sind sie durch die Wälder geschlichen auf der Suche nach den schönsten Gewächsen.
Verblüffend real Der durchschlagende Erfolg jenes vor genau 100 Jahren und jünger verlegten Bildtafelwerks ist nicht zuletzt seiner Akribie geschuldet. Verblüffend real und in noch nie da gewesenem Umfang sollten mehrere Bändchen in x-facher Auflage folgen.
Das umfassende mehrbändige Kompendium war insofern heiss begehrt, als dass Walty neben der deutschen und der lateinischen Bezeichnung mit Funddatum jeweils auch die Einordnung essbar, ungeniessbar, verdächtig, giftig, «tötlich» vermerkt hatte.
An die 500 Bildtafeln Während über 30 Jahren schuf der einstige Zeichenlehrer an der Bezirksschule Lenzburg und preisgekrönte Künstler Hunderte Aquarelle. Stets bemühte sich der Pilzforscher um eine Kategorisierung, doch die gigantische Zahl an unterschiedlichen Arten liess ihn seine einmal erlangte Auflistung mehrfach revidieren. Jenes Manuskript blieb unveröffentlicht, das atemberaubende Originalwerk der Öffentlichkeit verborgen – bis auf ein einziges und letztes Mal 1953.
Nimm’s mit Humor Bei all den Erkundungen über die Jahrzehnte müssen dem passionierten Pilzsammler Walty unzählige Anekdoten zu Ohren gekommen sein. Jedenfalls findet sich solch eine in den Lenzburger Neujahrsblättern: Wie Walty darin die Namensfindung des Steinpilzes in verschiedenen Sprachen umschreibt, kommt er schlussendlich auf die deutsche Übersetzung zu sprechen: «Die Deutschen nennen den schwarzhütigen Steinpilz ‹weissfleischiger Bronzepilz›. Als ich vor Jahren die Zürcher Pilzausstellung besuchte, war er als solcher angeschrieben. Ein biederer Schwabe las kopfschüttelnd die Anschrift und meinte: ‹Jetzt hab i gmeint, ich hätt mei Lebe lang den schwarzhütigen Stoipilz gfressa, und jetzt is des auf einmal der weissfleischige Bronzepilz.›» Womit ich – ganz im Sinne Waltys – schliesse.
Bis 26. November Die Ausstellung «Herausragende Pilze – Die Aquarelle von Hans E. Walty» ist im Museum Burghalde in Lenzburg bis am 26. November zu sehen.